Generación Y ist der weltbekannte Blog der Kubanerin Yoani Sánchez, die in Havanna trotz dauernder Überwachung mutig die Mauern der Zensur überwindet. Es gelingt ihr meisterhaft, anhand alltäglicher Situationen das Machtsystem in Kuba zu entlarven. Yoani Sánchez wurde in den letzten Jahren oft für ihren aufklärerischen Journalismus ausgezeichnet. Das Time Magazine wählte die kubanische Dissidentin unter die hundert einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2008. Das International Press Institute ernannte sie im Jahre 2010 zur „Heldin der freien Meinungsäußerung“. 2011 erhielt sie den Prinz-Claus-Preis. „Natürlich habe ich Angst in Kuba", sagt sie, „aber ich habe nichts zu verbergen, ich habe keine Waffen, meine Waffe ist die freie Meinungsäußerung."
Ich schalte den Fernseher ein und sehe eine Frau, die vor der Kamera in irgendeinem Krankenhaus im Landesinneren ein Kind gebärt; die Stimme der Ansagerin verkündet die Geburtszahlen von 2012. Ich frage mich, ob die Mutter um Erlaubnis gefragt wurde, dass sie während der Geburt gefilmt wird. Die Antwort lautet wahrscheinlich nein. Zehn Minuten später besucht mich ein Freund und gibt mir einen Artikel zu lesen, in dem der Anwalt von Alan Gross Einspruch erhebt, da die kubanische Regierung die Krankenakte seines Klienten veröffentlicht hat. Dies erinnert mich an jenes Szenario, als eine versteckte Kamera in einem Krankenhaus die Mutter von Orlando Zapata Tamayo ohne deren Wissen filmte, als sie mit dem Arzt sprach. Die Aufzeichnung wurde zur Hauptsendezeit ausgestrahlt, damit Millionen von Zuschauer es sahen, natürlich ohne über die Genehmigung der leidenden Frau zu verfügen, die gerade ihren Sohn verlor.
Die Saga geht noch weiter. Im September vergangenen Jahres erläuterte die Direktorin einer Poliklinik die Symptome, die eine Dissidentin während eines Hungerstreiks hatte. Alle Details wurden ohne das geringste Schamgefühl geschildert, obwohl dadurch die Privatsphäre eines Patienten verletzt und somit der hippokratische Eid gebrochen wurde, der besagt: „Was immer ich sehe und höre, bei der Behandlung oder außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen, darüber werde ich schweigen.“ Ich selbst beschloss vor mehr als 3 Jahren, nie wieder auch nur einen Fuß in eine Arztpraxis zu setzen, nachdem die mich behandelnde Ärztin eingeschüchtert und dazu gezwungen wurde, vor einer amtlichen Behörde eine Aussage zu machen. Ich entschloss mich, das Risiko und die Verantwortung für meine Gesundheit selbst zu übernehmen und so meine Intimsphäre zu schützen. Immer wenn ich, auch heute noch, an eine Krankenhaussprechstunde denke, ist es, als sähe ich mich in einem Szenario mit Scheinwerfern, Kameras… und ein zahlreiches Publikum betrachtet meine Innereien, meine Eingeweide.
Die gleichen öffentlichen Medien, die das Eindringen in die medizinischen Archive als ideologisches Werkzeug benutzt haben, verteidigen jetzt die Geheimhaltung des Gesundheitszustandes von Hugo Chávez. Im Fernsehen, wo wir so viele Angriffe auf die Privatsphäre der Patienten gesehen haben, werden die, die Informationen über den Gesundheitszustand des venezolanischen Präsidenten fordern, als krankhaft bezeichnet. Sie vergessen, dass genau sie es waren, die das Publikum daran gewöhnt haben, in den Krankenhausgeschichten herumzuschnüffeln, als wäre es ethisch vertretbar. Verdienten all diese unbedeutenden Personen, deren Privatsphäre von der nationalen Presse verletzt wurde, nicht auch Respekt? Und all diese Ärzte und medizinischen Institutionen, die gegen ihre heiligsten Prinzipien verstoßen haben, was ist mit denen? Wird jetzt, wo die medizinische Indiskretion nicht mehr politisch korrekt ist, gegen sie vorgegangen?
Foto: Konzert „Otro Amanecer“ zu Ehren von Meme Solís
Er sah aus wie ein kleiner Reisekoffer mit abgerundeten Ecken und hatte auf dem Deckel einen abnehmbaren Lautsprecher. Dieser Plattenspieler war das Heiligtum meines Vaters und eine Alternative zum langweiligen Radio- und Fernsehprogramm der 80er-Jahre. Die Nadel fuhr die feinen Rillen auf dem Vinyl entlang und die Melodie erfüllte das kleine Zimmer auf nahezu magische Weise. Wir hatten auch nur eine ziemlich kleine Plattensammlung: einige davon hatten wir im Laden gekauft, andere von Freunden oder Verwandten ausgeliehen. Wir haben so oft dieselbe Musik gespielt, dass meine Schwester und ich bestimmte Boleros und Balladen, die nichts mit dem Musikgeschmack unserer Generation zu tun hatten, bald auswendig konnten. Ich erinnere mich außerdem an vier Platten, die nur sehr leise und bei geschlossenen Fenstern abgespielt wurden. Dabei handelte es sich um eine Langspielplatte von Julio Iglesias, eine andere mit Liedern gesungen von Nelson Ned, eine dritte der kubanischen Komiker Pototo und Filomeno und jene Platte eines Quartetts, das unter dem Namen „Los Memes“ bekannt war.
Sowohl den spanischen als auch den brasilianischen Liedermacher hatte man in den staatlichen Medien zensiert, angeblich wegen kritischer Äußerungen über die kubanische Regierung. Die beiden kubanischen Komiker waren ihrerseits ins Exil gegangen, was sie vollends für die „schwarze Liste“ qualifizierte. Aber wie war das mit diesen vier jungen Musikern, die so himmlisch auf jener anderen „verbotenen Platte“ erklangen? Es waren Zeiten, in denen man nicht viele Fragen stellte, sodass ich erst fünf Jahre später die Antwort darauf kannte. Damals erfuhr ich, dass José Manuel Solís (Meme) lediglich deshalb verboten worden war, weil er 1969 um die Ausreise aus Kuba gebeten hatte. 18 Jahre lang wartete er darauf, auswandern zu dürfen, Jahre, in denen die kulturellen „Torquemadas*“ versuchten, seine Kompositionen aus unserer Musikgeschichte zu löschen. Über 40 Jahre nach dem erzwungenen Schweigen um seine Person hat man unter dem Titel „Otro Amanecer“ (ein weiterer Tagesanbruch) im Teatro América in Havanna ein Konzert zu seinen Ehren veranstaltet. So konnte man am Samstag, den 5., und am Sonntag, den 6. Januar, die Lieder von Meme wieder in dem Land hören, in dem sie nie hätten zensiert werden dürfen.
In der Show wurde dem Publikum ein herausragender Interpret nach dem anderen geboten, wobei die Künstler von den bekanntesten Stimmen bis hin zu vielversprechenden jungen Talenten reichten. Trotz der sehr geringen – oder auch nicht vorhandenen – Verbreitung durch die Presse war der Saal an beiden Konzerttagen rappelvoll. Am emotionsgeladensten war die Atmosphäre, als auf der großen Leinwand die Gesichter einiger im Exil lebender Künstler erschienen. Maggie Carlés, Albita Rodríguez, Annia Linares, Xiomara Laugart und Mirtha Medina ernteten nur dafür, ein paar Sekunden in diesen Videos aufzutauchen, großen Beifall des Publikums. Der größte Star war jedoch ohne Zweifel der junge Mann aus Mayajigua, der zu jenem unentbehrlichen kubanischen Sänger, Pianisten und Komponisten wurde. Auch wenn er nicht für seine Ehrung anreiste – er erklärte, er habe nicht vor, nach Kuba zurückzukehren, solange diese Regierung an der Macht sei – war seine Präsenz in den fast zwei Stunden, die das Konzert dauerte, allgegenwärtig.
Auf voller Lautstärke, ohne die Fenster zu schließen, ohne den Ton des Plattenspielers auf ein Flüstern herunter zu drehen, ohne die Musik auszumachen, wenn die Nachbarn an der Tür klingeln. Zum ersten Mal hörte ich die Musik von Meme Solís ohne mich dabei zu verstecken. Nun fehlte nur noch er selbst, um sie zu singen.
Übersetzung: Falko Blümlein
Anm. d. Ü.
* Anspielung auf Tomás de Torquemada (1420-1498), der mit dem Aufbau eines eigenen inquisitorischen Verwaltungsapparats für Spanien den Grundstein für die Spanische Inquisition legte
Foto: Das Teatro América am Sonntagabend nach dem Konzert zu Ehren von Meme Solís
Es muss jemanden geben, der am Fuß der Gangway steht, tschüs sagt, das Taschentuch herausholt und damit hin- und herwinkt. Jemand muss die Briefe, die farbenfrohen Ansichtskarten und die Ferngespräche entgegennehmen. Jemand muss da bleiben und sich um das Haus kümmern, das einmal voll von Kindern und Verwandten war, muss die Pflanzen gießen, die sie hier gelassen haben, und den alten Hund füttern, der ihnen so treu gewesen war. Jemand muss die Familienerinnerungen aufheben, Großmutters Kleiderschrank aus Mahagoni und den breiten Spiegel, an dessen Ecken der Spiegelbelag abgeblättert ist. Jemand muss jene Witze in Erinnerung behalten, die niemanden mehr zum Lachen bringen, und die Negative von Fotos, die nie ausgedruckt wurden. Jemand muss dableiben, einfach nur um dazubleiben.
Dieses Jahr 2013, in dem so viele auf die Umsetzung der Migrationsreform warten, könnte ein Jahr werden, in dem wir oft ‘auf Wiedersehen‘ sagen. Auch wenn ich die Entscheidung jedes Einzelnen, sich da oder dort niederzulassen, respektiere, lässt mich die Traurigkeit über die andauernde Abwanderung von kreativen und talentierten Menschen, die meinem Land widerfährt, nicht los. Erschreckend ist die große Anzahl von Kubanern, die hier nicht länger leben wollen, die ihre Kinder auf dieser Insel nicht großziehen möchten, noch ihre beruflichen Pläne in diesem Land verwirklichen wollen. Es ist ein Prozess, auf Grund dessen ich mich in den letzten Monaten von Kollegen und Freunden verabschieden musste, die ins Exil gingen, von Nachbarn, die ihr Haus verkauften, um sich einen Flug irgendwohin leisten zu können, von Bekannten, die ich eine Weile nicht mehr gesehen habe, um dann ein paar Wochen später zu erfahren, dass sie jetzt in Singapur oder Argentinien leben. Menschen, die es leid waren, zu warten und ihre Träume auf später zu verschieben.
Es muss aber jemand hier bleiben, um die Türe abzusperren, das Licht aus- und wieder anzuschalten. Viele müssen hier bleiben, weil dieses Land mit neuen Ideen wiedergeboren werden muss, mit jungen Menschen und Konzepten für die Zukunft. Wenigstens die Illusion muss erhalten bleiben, die Regenerationsfähigkeit muss hier fortbestehen und der Enthusiasmus muss mit diesem Land weiterhin fest verbunden sein. In diesem Jahr 2013 muss bei den vielen, die hier bleiben, unbedingt Zuversicht herrschen.
Das Hähnchen kommt aus Kanada, das Salz laut Etikett aus Chile, die kreolische Soße ist „Made in USA“ und der Zucker ist aus Brasilien. Auf dem Tetra Pack der Milch ist eine holländische Kuh abgebildet, der Zitronensaft wurde in Mexiko hergestellt und bei den Hamburgern wird in großen Buchstaben angegeben, dass sie zu „Hundert Prozent aus argentinischem Fleisch“ sind. Auf der Verpackung des Käses wird erklärt, dass es Gouda aus deutschen Landen ist, auf den Keksen erklären chinesische Zeichen ihren Ursprung, während der Reis in den Feuchtgebieten Vietnams angebaut worden ist. Wir ertrinken in Auslandsware!
Deshalb fragte ich eine Freundin, die Wirtschaftswissenschaftlerin ist, warum die Butter am Kiosk in unserem Viertel bis aus Neuseeland zu uns gereist ist. Können wir ein einfaches Grundnahrungsmittel wie dieses wirklich nicht selbst herstellen? – und ich bedrängte sie weiter – Gibt es keinen näher liegenden Ort, woher wir sie beziehen können? Die junge Frau, die ihr Studium an der Universität von Havanna abgeschlossen hat, antwortete mir mit demselben Satz, der auch eine humoristische Sendung betitelt: „Lass es Dir von mir erzählen…“. Daraufhin erzählte sie mir, dass sie, nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hatte, in einer Abteilung des Ministeriums für Nahrungsmittelindustrie untergebracht wurde, um ihren Sozialdienst abzuleisten. Sofort bemerkte sie die enormen Rechnungen, die für die Frachtkosten bezahlt wurden, um Waren aus entfernten Ländern zu transportieren. Sie brachte eine Liste mit einigen dieser Rechnungen zum Direktor, unter anderem die von Milchpulver, welches in einem entfernten Ort in Ozeanien gekauft wurde, Der Mann räusperte sich und stellte klar „Misch dich da nicht ein, es wird erzählt, dass jene Fabrik dort das Eigentum eines kubanischen Hierarchen ist.“
Es würde mich nicht wundern, wenn Einzelpersonen, welche in der Machtstruktur dieser Insel gut positioniert sind, unter falschem Namen Firmen im Ausland besitzen. Ebenso inakzeptabel wäre es, wenn zudem der Import der Produkte dieser Firmen denen vorgezogen wird, welche näher liegen und billiger sind. Das heißt, sollte dies der Fall sein, dass ein Teil des Geldes aus der Volkskasse in den Taschen einer Weniger – desselben Volkes – landet, welche dieselben sind, die entscheiden von wem gekauft wird. So als würde ein geschickter Zauberer ein Bündel Geldscheine aus seiner linken Hand in seine rechte wandern lassen, ohne dass man es bemerkt. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum bestimmte Marken – wirklich schlechte und zu absolut überhöhten Preisen – die Regale in unseren Geschäften belegen. Der alte Trick des „bei sich selbst Einkaufens“ würde bewirken, dass das Land übermäßige Ausgaben hätte und nationale Produkte von besserer Qualität und geringerem Preis abgewürgt würden.
Ich weiß, lieber Leser, all dies kann das Ergebnis einer großen Paranoia meiner Freundin sein …. und meiner ebenfalls; aber ich habe die Hoffnung, dass man es eines Tages erfahren wird, alles wird man erfahren.
Die Kabbala, die Ziffer, die man nicht erwähnt, der Aberglauben mit den Zahlen, das Unglück, das kommen könnte, nur wenn man acht Buchstaben ausspricht. Ich erinnere mich, dass sich in der Schule, als ich dreizehn Jahre wurde, viele Späße darum drehten. „Wie alt bist du?“, fragten mich ältere Schüler, um sich über meine Verwirrung bei der Antwort lustig zu machen. Ich musste mit „zwölf plus eins“ oder mit „fünfzehn minus zwei“ antworten, denn hätte ich die mit einem Fluch beladenen Zahlen ausgesprochen, hätte sich eine Welle von Gelächter über mich ergossen. Es hätte auch eine Kopfnuss geben können und den Ausruf „Da schau her!“, von dem ich heute noch nicht recht weiß, was er in diesem Zusammenhang bedeuten soll. So wuchs ich in der Annahme auf, dass die Dreizehn nicht nur Unglück mit sich bringt, sondern auch Hohn, Spott und Beleidigung.
Als ich mit Reinaldo zusammenzog, dachte ich: “Gott sei Dank lebe ich wenigstens im 14. Stock und nicht in dem darunter.“ Man stelle sich vor: jedes Mal wenn ich meine Adresse nannte, würde jenes sarkastische „Da schau her!“ aus meiner Jugendzeit ertönen. Das Erröten würde gar kein Ende nehmen. Jahre später sagte der Arzt voraus, dass mein Sohn am 13. August 1995 geboren werde, aber glücklicherweise zog die Natur den Moment etwas vor und befreite uns damit von jenem „düsteren Datum“. Und so entkam ich dem abergläubischen Schatten der „zehn plus drei“ durch Ausweichen und Vermeiden, indem ich sie manchmal nicht aussprach und Summen oder Abstrahierungen verwandte. Wie ich haben viele andere das gleiche gemacht, manchmal eher aus Vorsicht, als dass sie wirklich an ihren schlechten Stern glaubten. Aber jetzt kommt eine harte Probe für alle: das Jahr 2013, das bald anbricht.
Ich habe den Eindruck, dass die kommenden 12 Monate für die Kubaner keineswegs verhängnisvoll sein werden. Ich kann nun vorhersehen, dass sie voller Augenblicke des Wechsels und bedeutender Momente sein werden. Viel im Land, das wir kennen, wird sich ändern, zum Guten und ein wenig zum Schlechten. Neue Namen werden die nationale Szene betreten und andere werden endlich auf dem Marmor eines Grabsteins stehen. Eine Ära wird zu Ende gehen und damit diesmal den Mayas Recht geben. Aber all das hängt fast in erster Linie davon ab, wie wir als Bürger mit den Herausforderungen umgehen, die sich uns zeigen werden, wie stark uns bewusst sein wird, dass wir an einem entscheidenden Punkt unserer Geschichte stehen. Ich bereite mich jetzt schon darauf vor und wiederhole wie ein Mantra: dreizehn, dreizehn, dreizehn, dreizehn …
*All meinen Freunden, Kollegen, Bloggern, Journalisten überall auf der Welt, Lesern meiner Texte, Kommentarschreibern, die diesen Blog sich angeeignet haben, Übersetzern, die ihn freiwillig in so viele Sprachen übertragen, denjenigen, die durch ihre treffsichere Kritik oder ihre ätzende Schmährede mir geholfen haben, ein besserer Mensch zu werden, ihnen allen wünsche ich frohe Festtage und ein schönes neues Jahr.
Gestern Abend klopfte eine Nachbarin an der Tür; es war um etwa 22 Uhr. Ihr Enkel sollte ein Geschenk für die Lehrerin mitbringen und die Dame suchte nach buntem Papier, womit sie es einpacken konnte. Irgendwo hatten wir noch einen mit lilafarbenen Blümchen bemalten Bogen, welches für etwas Seife und einen Lippenstift ausreichte. Heute ging der Junge selbstzufrieden mit dem Geschenk in der Hand zu einer Schule, an der seit früh morgens Musik aus Lautsprechern erklang. Der Tag des Erziehers war an allen kubanischen Schulen schon immer ein großes Fest, die Zeit, in der die Schüler die Fachleute des Unterrichts beschenken. Dennoch sind es weder Zeiten, um allzu viel zu feiern, noch um die aktuelle Situation dieses wichtigen Sektors mit Gedenkfeiern zu vertuschen.
Die „hohe Qualität der kubanischen Bildung“, wie vielerorts in der Welt erwähnt wird, ist eine Fata Morgana, die nicht länger als die achtziger Jahre überdauern konnte. Mit der Unterstützung des Kremls, legte diese Insel eine Bildungsinfrastruktur an den Tag, die nichts mit ihren realen wirtschaftlichen und produktiven Möglichkeiten zu tun hatte. Als besäße ein schwacher, zahnloser Mann einen Arm wie ein kräftigen Bodybuilder. Dieses Missverhältnis – zwischen dem, was wir genossen haben und uns tatsächlich leisten konnten – wurde sichtbar als die Sowjetischen Subventionen gestrichen wurden und die Schulen des Landes in eine tiefe Krise stürzten, von der sie sich bis heute nicht erholt haben. Eine Krise, die nicht nur den physischen Verfall der Gebäude und Unterrichtsräume beinhaltet, sondern auch den Verlust der Qualität der Lehre und die Abwertung der ethischen und moralischen Erziehung.
Im Zentrum des Problems: der Lehrer, der früher ein angesehener Akademiker war und sich heute auf den untersten Sprossen der Karriereleiter befindet. Experimente, angehende Pädagogen zu formen, verschlimmerten die Situation und heute trifft man häufig auf jemanden, der spanisch unterrichtet und nicht einmal den Unterschied zwischen „ wortwörtlich (literal)“ und „literarisch“ kennt. Das Übermaß an Ideologie, der manichäistische Ansatz, die eigene nationale Geschichte zu veranschaulichen, die Kürzung der Kreativität und des kritischen Denkens, gehören zu den vielen negativen Charakteristiken, die heute unsere kubanische Bildung kennzeichnen. Aber trotz alledem gibt es immer noch Lehrer, die aus ihren Lehrerkollegien hervorragen, weil sie ihre Arbeit mit Hingabe und Exzellenz erfüllen. Lehrkräfte, die trotz niedriger Gehälter, trotz des fehlenden Materials, der sie umgebenden Mittelmäßigkeit und des Eindringens der Politik in ihre Arbeit, den Wunsch zu unterrichten nicht aufgegeben haben. An sie: herzlichen Glückwunsch an diesem Tag.
Hier und dort sieht man kleine Plastikbäumchen mit Girlanden noch aus den Vorjahren und einem Drahtstern auf der Spitze. Prachtvolle Nadelbäume, vollbehangen mit Weihnachtsschmuck in der Lobby irgendeines großen Hotels oder im Wohnzimmer der Häuser in Miramar. Lichter, Farben und Melodien, die immer wieder von vorne erklingen, sobald sie zu Ende sind. In einer Straße in Nuevo Vedado konkurrieren die Nachbarn miteinander, wer den auffälligsten Schmuck über seine Balkonbalustrade oder Gartenhecken hängt. Aber es gibt auch Tausende von Häusern und Wohnungen, bei denen nicht das kleinste Detail auf die Festtage dieses Dezembers hinweist. Vielleicht sind es Atheisten, vielleicht liegt es am Geldmangel oder einfach der Unlust zum Feiern. “Was denn feiern..?” würden viele sagen, wenn man sie fragte.
Dieses Weihnachten haben sich die Selbstständigen die Jahresend-Festlichkeiten zu eigen gemacht. In den kleinen Essenskiosken, in den kleinen Läden, in denen Ramschware verkauft wir, und in den privaten Restaurants von Havanna werden die Räume mit Nikolausbildern, Kristallkugeln und funkelnden Lichtern geschmückt. Eine Explosion von Farben und Weihnachtsliedern – der private Dienstleistungssektor markiert damit einen grossen Unterschied zu seinem staatlichen Pendant. Als ob der Exzess an Schmuck und Verzierung eine andere Art wäre, sich von den vielen unpersönlichen Orten zu distanzieren, die von Ministerien oder Institutionen geführt werden. Diese visuellen Exzesse von heute sind wahrscheinlich die Antwort des Volkes auf all jene Weihnachten, die still gefeiert oder ganz ignoriert wurden, in denen der Besitz eines Weihnachtsbaumes mit Krippe einen Beweis für „ideologische Abweichung“ darstellte.
Ein Rundschreiben bleibt auch in Erinnerung, das dem jetzigen Vizepräsidenten José Ramón Machado Ventura zugeschrieben wird, der Weihnachtsbäume an öffentlichen Plätzen verbot. Ein gescheiterter Versuch, mit dem man uns sogar vorschreiben wollte, wie wir das Jahr verabschieden sollen, und der sich glücklicherweise nicht lange halten konnte. Diese Exzesse an Verboten und falscher Nüchternheit haben zu der aktuellen Ausgelassenheit geführt. Viele möchten das Abbild der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind im Wohnzimmer haben, auch wenn sie nicht genau wissen, ob sie Stroh oder Schnee an den Fuß der Krippe legen sollen. Überall gibt es feuerrote Verzierungen, blinkende Lichter und Gesichter mit dicken Backen und spitzigem Hut. Ausgelöst wurde dieser Weihnachts-Furor durch all die vielen Dezember, die zwischen „man darf nicht“ oder „man darf doch“ hin- und herpendelten. Jetzt wollen nur Wenige, dass die Girlanden in ihren Kisten bleiben oder der Drahtstern mit seinen 5 Spitzen in irgendeiner Schublade.
Foto: Der Stand der „Bibliotecas Cívicas“ und des „Comité Interracial“
In letzter Zeit sind meine Tage wie Wochen, die auf 24 Stunden gerafft sind. Meine Mittwoche reihen sich aneinander wie am Fließband, an Samstagen habe ich nichts als Arbeit und an Montagen scheint nichts zu beginnen, sondern eher nur weiterzugehen. Bisweilen kommen die unglaublichsten Ereignisse an einem einzigen Tag zusammen: außergewöhnliche oder alltägliche, erfreuliche oder ärgerliche. Es gibt jedoch – ab und zu – ein Datum, in das sich scheinbar der ganze Kalender einschleichen will. Der 10. Dezember ist einer dieser Tage, an denen ich gerne den von Robert Louis Stevenson erdachten „Flaschenkobold“ zur Hand hätte, um ihn darum zu bitten, den Tag mindestens 72 Stunden dauern zu lassen, bevor die Nacht anbricht.
Dieses Jahr war keine Ausnahme. Schon am Vortag konnte man die typischen „Anzeichen, die dem Tag der Menschenrechte vorausgehen“, ausmachen. Jeder nimmt sie wahr, sogar diejenigen, die sich weigern, sich solcher Umstände bewusst zu werden. Die Polizeipräsenz an den zentralsten Stellen der Stadt und die Anspannung der Ordnungshüter nehmen merklich zu. Seit einiger Zeit versuchen nun auch die staatlichen Institutionen, sich ein Datum zu eigen zu machen, das – über Jahrzehnte hinweg – dem kritischen Teil dieser Gesellschaft gehörte. Vor unseren Augen berichten Sprecherinnen im Fernsehen lächelnd über die landesweiten Aktivitäten zu Ehren der „…“, und an dieser Stelle bekommen sie einen trockenen Mund und die Worte bleiben ihnen im Hals stecken, sodass sie sich schließlich nur zu „kulturellen und sozialen Rechten“ durchringen können. Der Ausdruck „Menschenrechte“ ist schon zu lange stigmatisiert, um ihn jetzt plötzlich in den staatlichen Medien zu verwenden, ohne zumindest dabei rot zu werden.
Festnahmen und Drohungen spielten an diesem Tag im ganzen Land die Hauptrolle, es wurde aber auch immer etwas erreicht. Dieses Jahr habe ich am ersten Tag des Festivals „Poesía sin Fin“ (Poesie ohne Grenzen) teilgenommen. Mit einer Messe, die verschiedenste Projekte bot, lebte gestern das Fest der alternativen Szene auf Kuba wieder auf. Rund einhundert Menschen trafen sich am Sitz des Internet-Fernsehprogramms „Estado de SATS*“ und bauten dort diverse Ausstellungsstände auf, deren Themen vom Musizieren über Rassenintegration bis hin zu Aktivismus reichten. Man konnte einen Einblick in die Arbeit der „Bibliotecas Cívicas**“, der kürzlich erstmals veröffentlichten Zeitschrift „Cuadernos de pensamiento plural“ (Hefte des vielfältigen Denkens) aus Santa Clara und der jungen DJs von „18A16 Producciones“ bekommen. Und auch wir hatten unseren Stand mit dem Namen „Technologie und Freiheit“, der Aufschluss über die Arbeit von Bloggern, Journalisten, Bürgern und Twitterern gab.
Als eine Insel auf unserer Insel war diese Veranstaltung ein Vorgeschmack auf jenen Tag, an dem man jede Art von Pluralität respektieren wird, die es in unserem Land gibt. Lachen, Projekte, Einheit in Vielfalt und viel Freundschaft bildeten die Magie des ersten Tages von „Poesía sin Fin“. Als ich nach Hause kam, hatte ich den Eindruck, eine ganze Woche in der kurzen Zeit eines Tages erlebt zu haben, und diesmal hatte ich immerhin noch keinen Flaschengeist aus Erzählungen gebraucht. Mit der Energie so vieler Menschen hatten wir es geschafft, jeder Minute die kolossale Dichte der Zukunft zu verleihen.
Übersetzung: Falko Blümlein
Anm. d. Ü.
* Das kubanische Internet-Fernsehprogramm „Estado de SATS“ sendet seit 2010 Gespräche mit kubanischen Dissidenten und bietet ihnen eine Plattform, um die Revolution mit friedlichen Mitteln zu propagieren.
** Die „Bürgerbibliotheken“ sind eine Kommunikationsplattform, die sich für unzensierte Literatur und die Wiederbelebung der Kultur der offenen Debatte einsetzt.
Die Stimme von Julieta Venegas ertönt im großen Saal des Nationaltheaters. Sie steigt in die Höhe und taucht ein in die Seele. Ich sitze im Halbdunkel in einem Sessel, als die ersten Akkorde erklingen. Meine Augen fest auf die Bühne gerichtet. Auf meinem Weg von zuhause hierher bin ich durch das Viertel La Timba gekommen, wo mich an den Straßenecken Hunde anbellen und armselig gekleidete Frauen sich aus den Fenstern lehnen. Ich bin hierhergekommen mit meinen Zweifeln, meinem Progesteron, meinen so kurz geschnittenen Fingernägeln, dass es die Hände eines Jugendlichen sein könnten, meinem Mangel an weiblichem Geschick, was meine Kleidung betrifft, meinem schwer zu bändigenden Haar, meiner Mutterrolle, meinem Ungestüm. Das bin ich, mit diesen Eierstöcken, die meine biologische Uhr verkörpern, und einem Sohn, der mich eines Tages zur Großmutter machen wird. Es ist wohl besser, sich für die Vergänglichkeit des Lebens zu wappnen.
Also versuche ich, den Rhythmus von Venegas‘ Liedern aufzunehmen, einen Refrain zu wiederholen und mit den Fingern im Takt zu schnipsen. Der Kampf, den sie gegen häusliche Gewalt aufgenommen hat, geht mir sehr nahe, wenngleich ich weder in meiner Familie noch in meiner Ehe jemals Gewalt am eigenen Leib erfahren musste. Ich kenne sehr wohl diese verschlossenen, dunkelvioletten und niedergeschlagenen Gesichter, denen ich auf Schritt und Tritt begegne. Im Aufzug, in der Warteschlange vor dem Bus, in dieser Stadt, in der man trotz ihrer Größe immer wieder auf dieselben Personen trifft. Ich sehe diese Augen, die aus Scham und Furcht, dass ihr Peiniger ihren Hilferuf mitbekommt, nicht mehr geradeaus schauen, aber jeder Zentimeter ihrer Haut, jedes Stück ihrer Kleidung ruft: ‘Rettet mich! Befreit mich aus dieser Situation!‘ Ich sehe das junge Mädchen in seinem engen Kleid, dessen Zuhälter es ständig im Visier hat. Ich sehe die stämmige Frau mit ihren vom Kinderkriegen schweren Brüsten, deren Ehemann einen Teller quer über den Tisch hinweg nach ihr wirft und sie dabei anschreit ‘Das ist wohl alles, was es zu essen gibt?‘. Ich sehe die Sekretärin, die sich vor dem Spiegel schminkt in der Hoffnung, wenn sie ihrem Chef gefällt, am Monatsende eine Tüte mit einem Kilo Hühnchen und ein paar Stücken Seife geschenkt zu bekommen. Ich sehe die Tänzerin, deren angewiderter Gesichtsausdruck sich nach dem Kuss des altersschwachen Patriarchen, der ihr ein besseres Leben verspricht, in einen freudigen verwandelt.
Zwischen zwei Liedern von Julieta Venegas sehe ich den Präsidenten der Föderation der Universitätsstudenten (FEU) der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften wieder. Derselbe Mensch, welcher vergangenen Samstag im Amphitheater Manuel Sanguily der Universität von Havanna potenzielle neue Studenten willkommen hieß. Um sie zu überreden, sich für dieses Studienfach einzuschreiben, sagte dieser junge Bursche: ‘Bei uns gibt es viele Aktivitäten, die karibischen Sportwettkämpfe, Partys in der Badeanlage der FEU und natürlich auch … die Aktionen gegen die ‘Damas de Blanco‘*. Und ich saß dort in jenem Hörsaal und war unglaublich betroffen über diesen jungen Mann, dem es offenbar Vergnügen bereitet, Frauen zu beschimpfen, sie daran zu hindern, ihre Häuser zu verlassen, und ihnen alle möglichen Beleidigungen hinterherzurufen. Zwei Tage später saß ich in einem Polstersessel des Nationaltheaters und stellte fest, dass derselbe öffentlicher Diskurs zur Unmenschlichkeit aufhetzen und sie gleichzeitig verurteilen kann, dass man eine begabte Künstlerin dazu einlädt, die häusliche Gewalt anzuprangern und – gleichzeitig – das Freiheitslied so vieler Frauen zum Verstummen bringt.
Anm. d. Ü.
* Die ‘Damen in Weiß‘ sind eine im Jahr 2003 entstandene kubanische Vereinigung, in der Frauen in friedlichen Demonstrationen die Freilassung ihrer Männer fordern, die als politische Gefangene in Kubas Gefängnissen sitzen.
Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier
Foto: Wir werden keiner Erpressung nachgeben, weder einem Land noch einer Staatengemeinschaft, wie mächtig sie auch sei, komme, was wolle!
Keine Sorge, lieber Leser, dieser Text handelt nicht von dem, was Sie denken. Es ist kein Aufruf an die königliche Akademie der spanischen Sprache, um den Prozess zur Aufnahme von neuen Begriffen zu beschleunigen, es ist nicht einmal eine Beanstandung, um die Unübersichtlichkeit der spanischen Orthografie zu reduzieren. Nichts von alle dem. Das Gewand der Philologin habe ich vor geraumer Zeit an den Nagel gehängt und inzwischen verstehe ich mehr von Bytes als von Silben, mehr von Tweets als von Konjugationen. Ich rede eher von diesen eigenartigen sprachlichen Verdrehungen, die man in Cuba verwendet, um wirtschaftliche, politische oder soziale Phänomene zu benennen. Die „Reformen“, die wir erleben, scheinen sich eher auf dem Gebiet der Sprache und der Bedeutungslehre zu vollziehen, als in der konkreten Realität. Ich werde einige Beispiele geben … haben Sie bitte etwas Geduld.
In unserem Land ist es üblich, von „Aktualisierung des sozialistischen Modells“ zu sprechen, wenn es sich einfach nur um Maßnahmen handelt, die dem System Elemente der Marktwirtschaft hinzufügen. Es wird als „Arbeit auf eigene Rechnung“ bezeichnet, was an jedem anderen Ort der Welt als „privater Handel“ bekannt wäre. Die Arbeitslosen sind auch nicht unter dem entsprechenden Begriff erfasst, sondern laufen unter der Überschrift „einsatzbereite Arbeiter“, eine sehr abgemilderte Art um das Drama der Arbeitslosigkeit zu beschreiben. Wenn in den Krankenhäusern die Röntgen- und Ultraschallaufnahmen um ein vielfaches gekürzt werden, so man erklärt dies damit, dass es eine Möglichkeit sei, um „die klinischen Diagnosen zu potenzieren“. Was in Wahrheit so viel heißt, dass der Arzt mit seinen Augen und Händen von einem Bruch bis zur inneren Blutung alles erkennen muss.
Für den offiziellen Diskurs ist die Frustration des Volkes über die Reformen einfach nur ein Zeichen von „Unverständnis und Disziplinlosigkeit“. Wenn darüber hinaus dieser Unmut in Protesten auf der Strasse endet, dann sind die Beteiligten weder „empörte Bürger“ noch „Arbeiter, die ihre Rechte einfordern“, sondern vielmehr „Söldner“ und „Konterrevolutionäre“. Auf dieser Insel ist der Ausdruck „Das Volk“ einer von vielen Pseudonymen der Macht, somit können Sie sich die Verwirrungen vorstellen, welche dadurch häufig entstehen. Wenn zu lesen ist „durch Beschluss des souveränen Volkes“ oder „unter der Teilnahme des gesamten Volkes“ könnte man das Subjet in jedem einzelnen dieser Sätze durch „die kommunistische Partei“ ersetzen. Auch das Cholera-Virus darf nicht bei seinen 7 Buchstaben benannt werden, denn die Zeitung Granma hat schon den Satz „akute, durchfallartige Erkrankung“ geprägt. Und diese völlig verarmten Wohnviertel, die sich am Randgebiet der Stadt ausbreiten, darf man auf keinen Fall Barackensiedlung oder Elendsviertel nennen. Das sind, laut der verzerrten Bedeutungslehre, die uns umgibt, „Wohneinheiten mit wenig Annehmlichkeiten“.
Ich verstehe nichts mehr und Sie auch nicht. Eine Metasprache hat sich in unser Leben eingenistet und kein Wort ist, was es zu sein scheint. Aber aufgepasst, lieber Leser, und „machen Sie sich keine Sorgen“: das ist genau die Floskel, in der wir täglich sagen „die Situation ist besorgniserregend“.