Archivo de 13 Junio 2012

abismo

Wir hatten Zeiten, in denen es Mode war, die Türen zuzuknallen, sich die Ohren zuzuhalten, ein Telefongespräch einfach abzubrechen. In ganzen Epochen unserer Nationalgeschichte wurde die Bereitschaft zum Dialog mit Nachgeben gleichgesetzt, der Austausch von Ideen galt als Eingeständnis einer Niederlage. Zum Glück spricht man bei den Diskursen der unterschiedlichen Gruppen der Zivilgesellschaft, in wissenschaftlichen Arbeiten, in den Artikeln zahlreicher Zeitschriften bis hin zu Regierungserklärungen immer mehr von der Notwendigkeit einer Debatte. Wir sind von Sätzen umgeben wie: „Unterschiede akzeptieren“, „Meinungen austauschen“, „Beteiligung aller an der nationalen Zukunft“ und von Behauptungen, dass „nur durch den Dialog Lösungen entstehen“. Man könnte sagen, dass wir eine Zeit erleben, in der es sich in Kuba als „politisch korrekt“ erweist, bereitwillig an Diskussionen teilzunehmen. Aber nur Worte reichen nicht aus, die Absicht zu diskutieren muss verwirklicht werden und es soll nicht bei Absichtserklärungen bleiben, die nur Schall und Rauch sind.

Parallel zu der Tendenz, die verschiedenen Blickwinkel zu vergleichen, aus denen unsere dringendsten Probleme betrachtet werden, gibt es auch eine Strömung, die die Ablehnung des Anderen nährt. So behaupten einige Akademikerich, dass das Bildungsniveau bestimmter Bürger nicht ausreiche, um sich mit ihnen auszutauschen; Parteifunktionäre spielen auf die ewige Gefährdung durch das Ausland an, um Gegner zu diskreditieren; angesichts abweichender Kriterien, behaupten zahlreiche Stimmen, dass man weder „zielgerichtet“ ist, noch „an die Nation denkt“; diejenigen, die zu einer alternativen Veranstaltung eingeladen werden, vermuten, dass es sich bei der Teilnahme um eine Falle handeln könnte, um sie politisch bloßzustellen. Unter den Anhängern der offiziellen Ideologie werfen viele den Kritikern ungesunde, „rechte“ Absichten vor und diejenigen, die im nationalen Fernsehen das Mikrofon haben, geben es nicht an andere mit dem Argument, diese Menschen „wollen, dass Havanna bombardiert wird“. Letztendlich ist es eine endlose Geschichte. Ein Geschrei unter Tauben.

Sie erkennen nämlich nicht, dass sich immer Motive finden lassen, um Brücken niederzureißen, Türen zuzuschlagen und dem den Mund zu verbieten, der eine andere Meinung zum Ausdruck bringt. Sie werden immer Gründe finden, bestimmte Namen von der Liste derjenigen zu streichen, die Zutritt zu einem Ort oder Raum bei einer bestimmten Veröffentlichung bekommen. Es werden sich immer moralische oder ethische Gesetzeslücken finden lassen, um jemanden als legitimen Gegner auszuschließen. Denn wenn man nicht diskutieren will, ist es möglich, das Gegenteil zu äußern, doch früher oder später, wird das Leben die wirkliche Angst vor dem Miteinander-Reden entblößen. Wir befinden uns in einer Etappe des nationalen Lebens, in der es offensichtlich nicht mehr üblich ist, sich die Ohren zuzuhalten, stattdessen ist es eher verbreitet zu sagen, dass man zuhört, während man in Wirklichkeit sein Trommelfell abdeckt und sein Gehirn schützt vor diesen schädlichen abweichenden Standpunkten…

Übersetzung: Valentina Dudinov

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fuenteovejuna

Ein klassisches Werk des spanischen Theaters, von Lope de Vega 1610 geschrieben, erzählt, wie ein ganzer Ort einen tyrannischen und despotischen Komtur tötet. In der Stadt Fuenteovejuna tun sich die Leute zusammen, um dem Machtmissbrauch, den ein Mann ausübt, ein Ende zu setzen. Die Nachbarn kommen überein, den Feudalherren zu lynchen, der schon von den ersten Szenen an sein Recht auf die erste Nacht bei den Mädchen des Ortes einfordert. Nach der Hinrichtung beginnt ein Richter nach dem möglichen Urheber des Verbrechens zu forschen, er stößt aber auf eine gemeinschaftliche Verantwortlichkeit, auf die Überzeugung der Gruppe, dass nur Gerechtigkeit geübt wurde. Auf die Frage:“Wer brachte den Komtur um?“, antwortet ihm ein Chor von Stimmen: „Fuenteovejuna, Herr“. Als der Beamte sie fragt: „Wer ist Fuenteovejuna?“ schallt ihm die unwiderlegbare Beteuerung entgegen: „Alle für einen, Herr“.

Zum Glück sind sowohl die verschiedenen Gruppen der Zivilgesellschaft, als auch die Aktivisten, die Oppositionellen und die Unzufriedenen, die im aktuellen Kuba leben, friedliche Menschen. Sie setzen nicht darauf, „den Komtur zu töten“, auch nicht auf eine andere blutige und traumatische Lösung. Sie haben aber die Lektion gelernt, die Lope de Vega so meisterhaft vor 400 Jahren dramatisierte. Die Vereinigung, der Zusammenschluss und die Annäherung machen sie stark gegenüber der vertikalen Ausrichtung eines totalitären Regimes. Die Bedeutung, Koalitionen zu schmieden, ist ebenso wichtig, wie es heutzutage die Hauptaufgabe der politischen Partei auf dieser Insel ist, Brücken abzubrechen und mögliche Verbündete einander zu Gegnern zu machen. Intrigieren, gegen einander aufhetzen und die Rivalitäten fördern, das ist die überholte Strategie, die die Staatssicherheit anwendet, um die einzelnen Fasern der zivilen Verflechtung getrennt zu halten. Leider haben sie mit dieser so unrühmlichen Arbeit eine langandauernde Wirkung erzielt.

Trotz alledem gehen die Tage der Entfremdung zu Ende. Vielleicht sind das nur Illusionen von mir, aber ich spüre, uns ist bewusst geworden, dass man uns gemeinsam nur sehr schwer zum Schweigen bringen kann. Das jüngste Anzeichen dafür, dass es uns gelungen ist, all diese Wortwechsel zu überwinden, ist das Dokument “Die Forderung der Bürger nach einem anderen Kuba“. Es erfüllt mich mit Hoffnung, auf der Unterschriftenliste eine so große Pluralität und eine so große Vielfältigkeit zu sehen. Es lässt mich glauben, dass alle Intrigen, die in den Büros der Staatssicherheit ausgekocht werden, kaum mehr als einen Kratzer in unserem Bewusstsein bewirken können. Was ist ein Komtur, wenn seine Untergebenen entscheiden, ihm nicht länger blind zu gehorchen? Wem werden sie das Verbrechen der freien Meinungsäußerung als Schuld zuweisen, wenn täglich mehr Bürger sich trauen, das, was sie denken, auszusprechen? Endlich, Fuenteovejuna ohne Gebieter.

Übersetzung: Iris Wißmüller

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