Heute zeige ich euch Fotos des Hafens, der seinen Namen an tausende Kubaner weitergab und danach 30 Jahre lang in Vergessenheit geriet. Von dort brachen die „Marielitos**“ auf und in meiner Grundschule erzählten sie uns, dass diese gegangen wären, um „Drogen und Verderbnis“ am anderen Ufer zu suchen. So stellte ich sie mir dann vor, auf einem immerwährenden fest aus Alkohol und Gelächter, in 90 Meilen Entfernung. Mit meinen fünf Jahren konnte ich nicht begreifen, dass das Geschrei im Gebäude und das Verbot meiner Großmutter für uns, im Hausflur zu spielen, auf die organisierten Missfallenskundgebungen zurückgingen. Die „Verabschiedung“ war entwürdigend für jene, die eine Insel verließen, die sich selbst als einen Ort der Utopie proklamiert hatte.
Die Eier flogen von einer Seite zur anderen, die einen warfen sie und die anderen spürten sie auf ihre Gesichter, ihre Türen oder ihre Fenster klatschen. Mit dem Wort „Abschaum“, im übertragenen Sinne entlehnt aus dem Wortschatz der Metallurgie, belegte man diejenigen, die sich nicht in den Schmelztiegel des sozialen Prozesses hineinstürzten. Wieder waren wir getrennt, verfeindet und gespalten. Väter und Söhne hörten auf, mit einander zu sprechen, weil einer von ihnen den Weg ins Exil gewählt hatte. Briefe wurden nicht geöffnet und Anrufe von denen, die hier geblieben waren, nicht beantwortet, da sie die Geschichte von Verrätern, die geflohen waren, glaubten. Meine Lehrerin fragte, ob „Mama oder Papa Geschenke von der Familie im Norden erhielten“. Mehr als einer meiner kleinen Freunde verriet, ohne es zu wissen, die heimliche Beziehung, die seine Familie zur anderen Seite aufrecht erhielt.
Ich glaube nicht, dass wir noch weitere Ereignisse wie die im Hafen von Mariel erleben werden. Die Auswanderung vollzieht sich jetzt auf eine ruhigere Art: in den felsigen Buchten, wo – bei jedem Tagesanbruch – sich irgendjemand aufs Meer hinaus begibt; und in den Konsulaten, die voll mit Leuten auf der Jagd nach einem Visum sind. Die harschen Bezeichnungen von früher werden schon nicht mehr verwendet, jetzt werden sie „Wirtschaftsemigranten“ genannt, und man konfisziert weiterhin ihre Besitztümer, die sie zurücklassen. Im Westen von Havanna bleibt uns dennoch das traurige Andenken an die Zeit, als Tausende schrien: „Soll der Abschaum doch verschwinden, verschwinden soll er!“
Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
*Mariel ist ein Municipio und eine Stadt in der Provinz La Habana. Sie liegt circa 40 km westlich von Havanna, an der süd-östlichen Seite der Mariel-Bucht. Der Hafen von Mariel ist der zu den USA nächstgelegene. Im Jahre 1980 flüchteten von hier rund 125.000 Kubaner in Richtung der Vereinigten Staaten. Viele von ihnen erreichten die USA, einige jedoch ließen ihr Leben im Meer. (vgl. Wikipedia)
** So werden die Flüchtlinge genannt, die Kuba 1980 über diesen Hafen verlassen haben.
Als ich klein war, nötigte mich meine Mutter dazu, meine Portion ganz aufzuessen. Der Aufforderung zum Leeren des Tellers lautete: „Lass nicht einen einzigen Löffel voll übrig, es gibt andere Kinder auf der Welt, die haben gar nichts zu beißen.“ Es vergingen nur wenige Jahre, und die schwere Krise, hervorgerufen durch den Zusammenbruch des Sozialismus in Europa, veränderte den Anblick auf meinen Tisch vollkommen. Statt uns diejenigen ins Gedächtnis zu rufen, die nichts hatten, fingen wir an, von den leckeren Speisen zu faseln, über die andere sich hermachen würden. Es waren Zeiten, in denen wir ständig von abhanden gekommenen Geschmacksnoten und über vom Markt verschwundene Produkte sprachen. Meine Eltern forderten von mir keinen größeren Appetit mehr, sondern gingen dazu über mich wegen des – zu schnellen – Herunterschlingens von auf Rationierungskarten erhaltenem Brot zu tadeln.
Die Krise betrat unser Leben, um zu bleiben. Nach mehr als 20 Jahren des Zusammenlebens mit einer kollabierten Wirtschaft, reagiert unsere Haut schon kaum noch auf die Stacheln der Schwierigkeiten. Die Welt erschaudert vor den Indikatoren, die eine ökonomische Katastrophe anzeigen, doch meine Generation, aufgewachsen in der Härte einer Hungersnot, kann sich gar nicht vorstellen, eines Morgens ohne die ängstliche Frage aufzustehen: „Was werde ich heute essen?“
Das die Welt heimsuchende finanzielle Debakel führt dazu, dass einige Analysten das Ende eines Systems prophezeien. Wir sind die Überlebenden der langen Agonie des anderen, so dass uns das Todesröcheln nicht erschreckt. Die Erfahrung, die wir darin haben, mit einem Minimum auszukommen, wird von großem Nutzen sein, wenn das Problem bestehen bleibt. Vielleicht müssen wir die unglaublichen Rezepte der schlimmsten Momente der „Sonderperiode*“ wieder hervorholen, wie zum Beispiel das Steak aus Grapefruitschalen, oder Hackfleisch aus Bananenschalen. Wir werden diese Notgeburten auf den Teller legen, ohne unsere Kinder dazu drängen, dass sie größeren Appetit entwickeln, aus Furcht, dass sie die Ration der ganzen Familie verschlingen könnten.
Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* Gemeint ist der Notstand, den Fidel Castro 1990, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, ausrief. Der „Período especial en tiempos de paz“ (Dt.: „Spezialperiode in Friedenszeiten“) ist bis heute offiziell nicht aufgehoben. Die ersten Jahre der Spezialperiode waren gekennzeichnet von einem allgemeinen Zusammenbruch der Wirtschaft und des Verkehrs. Es kam zu extremer Nahrungsmittelknappheit (vgl. Wikipedia).
Was war der Ursprung des Konflikts zwischen Romeos Familie und dem mächtigen Klan, in dem Julia geboren wurde? Ich erinnere mich an die Leiter am Balkon, die Rückkehrversprechungen und an die Verbannung nach Mantua, aber ich kann den Funken nicht genau ausmachen, der die Konfrontation zwischen beiden Klans entfachte. Viele junge Kubaner, ebenso wie die Verliebten bei Shakespeare, wurden mitten in einen Konflikt hineingeboren, dessen Motive sie kaum ausfindig machen können. Sie wuchsen heran im Schatten der Rivalität zwischen der kubanischen Regierung und den wechselnden nordamerikanischen Regierungen; sie wurden erzogen unter dem Ressentiment, das ihre Eltern und Großeltern hervorgerufen oder erlitten hatten.
Heute können die unter 30-Jährigen ebenso wenig den Beginn eines Grolls lokalisieren, für den sie nicht verantwortlich sind. Sie schauen nach vorn und es erscheint ihnen normal, dass die Montagues und Capulets eines Tages ihr Blut in einer gemeinsamen Nachkommenschaft mischen und Schwerter und Gift überwinden. Wir werden sie nicht daran hindern können, dass sie sich lieben, lasst uns daher vermeiden, dass sie einen Hass vortäuschen, den sie nicht empfinden; vor allem dass sie so tun, als ob sie sich umbringen wollten, nur um den Älteren gefällig zu sein.
Der Besuch von 7 nordamerikanischen Kongressabgeordneten in unserem Land hat Erwartungen in Bezug auf eine Lawine von Touristen aus den USA geweckt. Die Besitzer von Fremdenzimmern rechnen mögliche Gewinne aus und die Taxifahrer träumen von diesen Kaugummikauern, die großzügige Trinkgelder hinterlassen. Am Terminal zwei des Flughafens José Martí sind bereits manche in Wartstellung – im Vertrauen auf die baldige Flexibilisierung der Reisebeschränkungen nach Kuba. Die Leute gaben diesen ersten Besuchern den Spitznamen „die Mutigen“, ich weiß nicht, ob dies wegen des Risikos geschah, das sie bezüglich der Gesetze ihres Landes eingingen, oder wegen der Kühnheit, auf eine Insel zu kommen, wo sie gemäß der offiziellen Maxime „der Feind“ sind.
Die erwartete „Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und Kuba“ muss in erster Linie zwischen den beiden Regierungen stattfinden. Auf der Ebene der Bevölkerung sind wir bereits seit geraumer Zeit dabei uns zu verständigen, nur dass unsere jeweiligen Regierenden es noch nicht gemerkt haben. Unsere Nation ist biterritorial, wenn wir die große Zahl von Landsleuten in Rechnung stellen, die in Nordamerika leben. Deshalb sollte eigentlich die kubanische Seite stärker daran interessiert sein, dass die Beziehungen auf beiden Seiten der Meeresenge von Florida in Bewegung kämen. Trotzdem scheint den ersten Schritt Obama zu tun, nicht Raúl.
Ich habe Schwierigkeiten, mich an einen einzigen Tag in diesen letzten 50 Jahren zu erinnern, an dem wir nicht davor gewarnt worden wären, dass der mächtige Nachbar uns anzugreifen gedenkt. Was wird mit den Parolen „Kuba ja, Yankees nein“ geschehen, mit dem importierten Ruf „Gringos“, wenn wir sie hier bereits alle herzlich „Yumas“** nennen? Der größte Teil der politischen Reden dieser fünf vergangenen Dekaden wäre überholt und es gäbe keinen „schwarzen Mann“ mehr, mit dem man die Kinder in den Schulen erschrecken könnte. Was würden die Aktivisten in der Partei denken, wenn man von ihnen verlangte, diejenigen zu akzeptieren, die sie bis vor kurzem hassen sollten? Wie soll David auf den Fotos eine gute Figur machen, wenn er, statt seine Steinschleuder zu bedienen, sich mit Goliath zum Dialog setzte?
Interessanterweise sehe ich niemanden auf den Straßen, der sich vor diesen möglichen Veränderungen ängstigt. Nervosität herrscht nur bei denen, die die Konfrontation benutzt haben, um sich an der Macht zu halten. Eher bemerke ich Freude, Hoffnung, den vorsichtigen Eindruck, dass die Distanz zwischen Miami und Havanna kleiner werden könnte, familiärer.
Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* „Sieben gegen Theben“ ist ein Schauspiel von Aischylos, in dem 7 Feinde gegen Theben ziehen.
** Verbreitete Bezeichnung für AusländerInnen (Kubanismus).
Eine Powerpoint-Präsentation, die hier die Runde macht, liefert Details zu der Schließung eines berühmten Restaurants in Havanna. Die Fotosequenz – offensichtlich aufgenommen von der Wirtschaftspolizei (DTI)* – zeigt die „Beweise“, die Juan Carlos Fernández García belasten sollen, dem Inhaber des privat betriebenen Restaurants Hurón Azul (dt.: Blaues Frettchen). Ich schloss die Betrachtung der rudimentären Multimediashow mit einer Geste des Ekels, jedoch nicht wegen der materiellen Güter, die sie dabei zeigten.
Die visuelle Präsentation bestätigte mir, dass sich anscheinend nur diejenigen am Besitz von bestimmten Objekten erfreuen dürfen, die uns die „Lehre von der Gleichheit“ von der Rednertribüne herab auferlegen. Die Liste der „Delikte“ trug ebenfalls zu meiner Übelkeit bei: „Verbotene Lebensmittel“ zu verkaufen, wie Languste und Rindfleisch; mehr als 12 Stühle im Restaurant zu haben; Malern Kredit zu geben, damit sie dort essen konnten; als Kunstmäzen von sich reden zu machen; eine große Stromrechnung zu zahlen; viel Bargeld zu besitzen und – eine große Dreistigkeit – ein Restaurant in Mailand eröffnen zu wollen. Als ob es nicht viel einfacher wäre, den Verkauf von den Tierchen mit den Antennen, die in unserem Meer leben, zu genehmigen, Juan Carlos zu beglückwünschen für seine Arbeit als Kulturförderer und zu erlauben, dass jedes Privatrestaurant so viele Stühle und Angestellte hat, wie es will. Aber nein, all dies zu genehmigen, würde eine viel zu starke Konkurrenz zu den erfolglosen Restaurants und den Kulturzentren des Staates bedeuten. Zuzulassen, dass das Hurón Azul weiterhin Erfolg hat, wäre mit dem Risiko verbunden, dass sein Besitzer eines Tages eine Kunstzeitschrift gründen oder ein Museum mit seiner Privatkollektion eröffnen wollte.
Diejenigen, die die Fotos gemacht haben, tun mir leid. Ich bemerke in all dem lustvollen Schweifen der Linse über dem Essen den großen Nahrungsmangel von denen, die das Dossier vorbereiteten. Ich schäme mich sehr, dass die Polizei unseres Landes sich der Aufgabe widmet, unternehmerische Bürger einzusperren, während unsere Straßen voll sind von Verbrechern, die Brieftaschen stehlen, rauben und betrügen. Ich bin traurig wegen der Nachbarn, grün vor Neid, die einen Groll hegten auf so großes Wohlergehen. Ich denke vor allem an den alten Mann, der die Autos am Eingang des Privatrestaurants bewachte, an die Frau, die das Geschirr abwusch und jetzt ohne Arbeit ist und vor allem an die Kinder von Juan Carlos. Die haben wahrscheinlich anhand des beispielhaften Falls des Hurón Azul gelernt, dass man, um Erfolg zu haben, diese Insel verlassen muss.
Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* DTI steht für „Departamento Técnico de Investigaciones“ (eine kubanische Polizeieinheit)
Unter den Freunden meines Sohnes gibt es einen ganz besonders trägen, der jetzt kurz vor dem Abschluss der Mittelstufe steht. Die Bücher interessieren ihn kaum, und seinen Eltern hat es großes Kopfzerbrechen bereitet, es fertigzubringen, dass er es bis zur neunten Klasse schafft. Vor einer Woche erfuhr ich, dass er sich für eine Lehrerausbildung eingeschrieben hat. Ich dachte, man habe von einem anderen Jungen gesprochen, denn dem, den ich ganz gut kenne, fehlt jegliche Berufung oder das Talent, um sich vor eine Klasse zu stellen. Als ich seine Beweggründe dafür wissen wollte, beseitigte er meine Zweifel, indem er mir erklärte: „Ich gehe auf das Pädagogische Institut, weil man in der Stadt lernt und ich nicht in Landinternate gehen will.“
Ein hoher Prozentsatz derjenigen, die sich für eine pädagogische Laufbahn entscheiden – ich wage zu behaupten, dass es fast alle sind – tun dies, weil ihnen keine andere Wahl bleibt. Es sind diejenigen Schüler, die wegen ihrer schlechten Noten nicht auf eine Informatik-Ausbildung oder auf den naturwissenschaftlichen Zweig der Oberstufe hoffen dürfen.
Nach weniger als drei Ausbildungsjahren stehen sie an der Tafel und sind kaum älter als die Schüler vor ihnen. Ohne diese „Instant-Lehrer“ blieben die Klassenzimmer ohne Lehrer, weil die erbärmlichen Gehälter für einen Exodus in besser bezahlte Sektoren gesorgt haben.
Ich erschrecke mich bei dem Gedanken an die Jugendlichen, die unter dem ausgeprägten Desinteresse und dem geringen Ausbildungsgrad dieses Jungen lernen werden, den ich kenne. Ich habe Panik, eines Tages meine Enkel heimkommen zu sehen, die mir erklären: „Der Stern in der kubanischen Flagge hat fünf Zacken, denn er stellt die kubanischen Agenten dar, die in nordamerikanischen Gefängnissen inhaftiert sind*“, oder dass „Madagaskar eine Insel in Südamerika“ ist. Ich übertreibe nicht, von Anekdoten wie diesen, kennen wir Eltern, deren Kinder von im Schnelldurchlauf ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden, eine ganze Menge. Wenn ein so ehrbarer Beruf weiter von denen ausgeübt wird, die sich am wenigsten anstrengen, wird das Bildungsniveau der kommenden Generationen ziemlich schlecht sein. Ein Lehrer hat meinem Sohn und seinen Kumpels bereits zu Beginn des siebten Schuljahres gebeichtet: „Lernt fleißig, damit es euch nicht so geht wie mir. Denn am Ende musste ich Lehrer werden, wegen meiner schlechten Noten“.
Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* Infos z.B. auf deren deutschen Homepage http://www.miami5.de/
Ohne die vom Organisationskomitee der Zehnten Biennale von Havanna verfasste Erklärung* über die Geschehnisse vom Sonntag, im Centro Wifredo Lam, wäre die Performance von Tania Bruguera nicht vollständig gewesen. Der Minute der Freiheit vor dem Mikrofon entsprach die erforderliche Bestrafung. Ohne den Verweis wäre die Performance wie ein Anzeichen erschienen, dass die Intoleranz nachgelassen habe und dass es möglich sei, auf ein Podest zu steigen und sich ohne Angst zu äußern. Deshalb muss ich denen danken, die die Folge von Schmähungen verfassten, die La Jiribilla** veröffentlichte. Ohne sie hätte alles als erlaubt gegolten, wie etwas, das extra dafür erzeugt wurde, um den Anschein einer Öffnung zu erwecken.
Mit ihren fünf Absätzen beschlossen sie – auf bestmögliche Weise – die Performance. Uns Dreisten, die wir den kurzen Moment der Freiheit genutzt hatten, riefen sie ins Gedächtnis zurück, dass hier Bestrafung und Verweis weiterhin die Antwort auf Meinungsfreiheit sind.
In seinem mit Beschimpfungen gespickten Text hat das Organisationskomitee eine Erklärung dafür geliefert, warum so viele Rufe nach Freiheit von dieser Tribüne kamen. Mit seinen Beschuldigungen hat es den Grund offen gelegt, warum viele – an diesem Abend – nicht wagten, die Mikrofone zu ergreifen.
* Ich möchte euch mitteilen, dass wir den gesamten Videofilm über das Geschehen überarbeiten. Wegen der schlechten Tonqualität werden wir jedoch Untertitel einfügen. Sobald er fertig ist, werde ich ihn veröffentlichen.
Wenn man mir das Mikrofon gäbe, würde ich sagen:
Kuba ist ein von Meer umgebenes Land und auch eine von der Zensur abgesperrte Insel. In den Wall der informationellen Abschirmung haben Internet und besonders die Blogs einige Breschen geschlagen. Das Phänomen der alternativen Bloggerszene ist allmählich immer größer geworden, und es ist schon bei einem Gutteil der kubanischen Bevölkerung bekannt. Wir sind noch wenige Blogger, aber unsere Seiten markieren das Erwachen der öffentlichen Meinung.
Die Machthaber halten die neuen Technologien für ein „wildes Fohlen“, das gezähmt werden muss; wir unabhängige Blogger wollen jedoch, dass es frei herumläuft. Es gibt viele Schwierigkeiten, unsere Beiträge unter die Leute zu bringen. Von Hand zu Hand und dank USB-Sticks, CDs und veralteter Disketten wandert der Inhalt der Blogs über die Insel.
Das Internet ist dabei, sich zu einen öffentlichen Diskussionsforum zu wandeln, wo wir Kubaner unsere Meinung niederschreiben. Die reale Insel hat begonnen, eine virtuelle Insel zu sein, demokratischer und pluralistisch.
Leider hat der Lufthauch der freien Meinungsäußerung im Netz nur schwach auf unsere überwachte Realität geblasen. Lasst uns nicht länger auf die Erlaubnis warten, das Internet zu nutzen, einen Blog zu führen oder eine Meinung niederzuschreiben. Es ist Zeit, dass wir über den Wall der Überwachung springen.
Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* Eine deutsche Übersetzung steht hier.
** Staatlich kontrollierte Internetzeitung
Umgeben von Gedenktagen und anderen Daten, die zu feiern sind, haben wir dem Tag der kubanischen Presse, der am vergangenen 14. März gewesen ist, wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Die Nachrichten brachten lange Reportagen über die hingebungsvolle Arbeit der Journalisten und deren Treue zur Revolution. Einige Reporter erhielten Urkunden für ihre hervorragende Arbeit und ihre tadellose ideologische Haltung, während die Tageszeitung Granma* dem Eigenlob viel Platz einräumte.
Ausgerechnet während dieser Festtage lockerte der nordamerikanische Präsident Barack Obama die Reisebeschränkungen der Kuba-Amerikaner für Reisen nach Kuba.
Die abgeschafften Beschränkungen verhinderten, dass diese Emigranten ihre Familie öfter als einmal in drei Jahren besuchen konnten. Ebenso setzten sie den Überweisungen von Unterstützungszahlungen an ihre Verwandten auf der Insel enge Grenzen. Für die prekäre wirtschaftliche Situation der Privathaushalte ist das aus den USA geschickte Geld unerlässlicher Sauerstoff fürs Überleben. In einem Land, von dem so viele Bürger am anderen Ufer leben, sollte die Nachricht dieser Flexibilisierung der Aufmacher auf der Titelseite aller Zeitungen sein. Sie ist das, was man in den Journalistenschulen als beherrschende Schlagzeile für die kommende Woche kennenlernen würde.
Trotzdem erwähnte die kubanische Presse diesen positiven Schritt, den der Bewohner des Weißen Hauses getan hat, fast nicht. Das öffentliche Schweigen war die einzige Antwort auf die so sehr ersehnte und begeistert aufgenommene Maßnahme. Obwohl auf der Straße alle von nichts Anderem reden und sich die Mütter darauf vorbereiten, ihre im Norden ansässigen Kinder willkommen zu heißen, sind die staatlichen Medien zurückhaltend. Die Journalisten sind in ganz andere Themen versunken gewesen: die Kartoffelernte, die World Baseball Classics, die Bolivarische Revolution** und – natürlich – die Feierlichkeiten zum Tag der kubanischen Presse.
Anmerkungen der ÜbersetzerInnen
* Offizielle Zeitung der Kommunistischen Partei Kubas, benannt nach dem Boot Granma, mit dem Fidel Castro, Che Guevara und 80 weitere Rebellen 1956 in Kuba anlandeten, um die langjährige Diktatur von Fulgencio Batista zu beenden (vgl. Wikipedia).
** Mit diesem Namen bezeichnet der venezolanische Präsident Hugo Chávez die Leitidee seiner Politik. Chávez bezieht sich dabei auf den venezolanischen Volkshelden Simon Bolívar, essen Traum ein vereinigtes Lateinamerika war. (vgl. POLIXEA-Portal)