• Generación Y ist der weltbekannte Blog der Kubanerin Yoani Sánchez, die in Havanna trotz dauernder Überwachung mutig die Mauern der Zensur überwindet. Es gelingt ihr meisterhaft, anhand alltäglicher Situationen das Machtsystem in Kuba zu entlarven. Yoani Sánchez wurde in den letzten Jahren oft für ihren aufklärerischen Journalismus ausgezeichnet. Das Time Magazine wählte die kubanische Dissidentin unter die hundert einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2008. Das International Press Institute ernannte sie im Jahre 2010 zur „Heldin der freien Meinungsäußerung“. 2011 erhielt sie den Prinz-Claus-Preis. „Natürlich habe ich Angst in Kuba", sagt sie, „aber ich habe nichts zu verbergen, ich habe keine Waffen, meine Waffe ist die freie Meinungsäußerung."

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Das Gebäude hat die Form eines verzerrten Davidsterns. Es ist grau, die Fassadenverkleidung ist verzinkt und hat kleine Öffnungen, die ein starkes Gefühl von Klaustrophobie hervorrufen. Das Museum besteht nicht nur aus dem, was an seinen Wänden und in seinen Vitrinen ausgestellt ist, alles ist Bestandteil des Museums, jeder Raum, den man begehen kann, und auch all die menschenleeren Hohlräume, die man durch gewisse Schlitze erspähen kann. Es gibt Familienfotos, Bücher mit goldfarbenen Buchstaben auf dem Einband, medizinische Instrumente und Bilder von Jugendlichen in Badeanzügen. Es ist das Leben, das Leben der deutschen Juden vor dem Holocaust. Man könnte erwarten, man bekäme bei der Ausstellung nur den Horror zu sehen, aber das Dramatischste findet man in dem, was den Alltag bezeugt. Das Jahre vor der Tragödie eingefangene Lachen schmerzt ebenso beim Betrachten wie die ausgehungerten Körper und die aufgestapelten Kadaver. Der Beweis für die Momente des Glücks macht die darauf folgenden der Tränen und Schmerzen noch entsetzlicher.

Nach einer Weile zwischen den engen Gängen dieses Ortes und inmitten seiner verwirrenden Architektur, gehe ich hinaus und atme tief durch. Ich betrachte das Grün des Frühlings in Berlin und denke: Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Vergangenheit noch einmal zurückkommt.

Und nicht weit entfernt steht das Stasi-Museum. Ich betrete seine Zellen, seine Verhörräume. Ich bin dort mit einem Kubaner, der in genau diesem Ort eingesperrt war, wo ein Fenster mit Blick nach draußen sich in einen unerreichbaren Traum verwandelt. Eine Zelle wurde mit Gummi verkleidet, die Kratzspuren der Gefangenen kann man immer noch an ihren Wänden sehen. Trotzdem, am Unheilvollsten erscheinen mir die Büros, dort wo man aus den Gefangenen ein Geständnis herausquetschte oder dieses fabrizierte. Ich kenne sie, ich habe sie gesehen. Sie sind eine Kopie ihres Gegenstücks in Kuba. Sie wurden von den begabten Schülern, die von der Staatssicherheit der DDR im Innenministerium der Insel ausgebildet wurden, aufs Genaueste kopiert. Unpersönlich, mit einem Stuhl, den der Verhörte nicht bewegen kann, da dieser am Boden verankert ist, und einer vermeintlichen Gardine, hinter der sich das Mikrofon und die Filmkamera verstecken. Und stetig die metallischen Geräusche, das Klappern von Riegel und Gitter, um die Gefangenen daran zu erinnern, wo sie sind, wie ausgeliefert sie den Gefängniswärtern sind.

Danach muss ich wieder an die frische Luft, raus aus diesen Mauern. Ich entferne mich von diesem Ort, mit der Erkenntnis, dass, was für sie ein Museum der Vergangenheit ist, für uns immer noch die gelebte Gegenwart ist. Ein „Jetzt“, das wir nicht für die Zukunft zulassen dürfen.

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Foto: Kleines Fenster, einzige Lichtquelle in einer deutschen Stasigefängniszelle.

Übersetzung: Nina Beyerlein

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Das Dröhnen eines Zuges ist durch das Fenster zu hören. In Berlin hört man immer irgendwo einen Zug. Ich strecke den Kopf aus dem Fenster und sehe eine ganz andere Welt als mein Vater, damals, 1984, als er zum ersten Mal in Berlin war. Ein Zugführer, der aufgrund von unzähligen unbezahlten Überstunden und viel Arbeit eine Reise in die Zukunft gewonnen hatte. Ja, denn in jener Zeit war die DDR der Horizont, den viele Kubaner eines Tages erreichen wollten. So gaben sie diesem Mann der Lokomotive, dessen Hände voller Öl waren, noch einen Gutschein, um sich vor seiner Abreise nach Europa etwas Kleidung kaufen zu können. Es gab für ihn ein Set aus Jacke und Hose und obendrein noch einen riesigen Koffer, in dem meine Schwester und ich Verstecken spielten. Er kam mitten im Winter nach Ostdeutschland, für einen nur 2-wöchigen, geführten Besuch, dessen Hauptziel es war, den vom Glück begünstigten Reisenden die Vorteile jenes politischen Models zu demonstrieren. Und mein Vater kam überzeugt zurück.

Am Flughafen, bei seiner Rückkehr, kam mein Vater mit einem breiten Grinsen über das ganze Gesicht an und in seiner Hand hatte er eine Tasche. Darin waren je ein paar Schuhe für jede seiner Töchter, welche am Ende die beste Anschaffung der gesamten Reise waren. Die Schuhe und die Erinnerungen. Über Jahrzehnte hinweg hat er uns von seinem Aufenthalt in der DDR erzählt. Jedes Mal ein paar Details hinzufügend, bis sie beinahe zu einer Familienlegende wurden, welche wir uns bei Jubiläumsfeiern anhören dürfen. Im Licht der heutigen Zeit kurz zusammengefasst, staunte jener Lokführer darüber, dass er sich in Berlin in ein Café setzen und etwas zu trinken bestellen konnte, ohne Schlage stehen zu müssen, er hatte für seine zwei kleinen Mädchen Geschenke gekauft, ohne einen Bezugsschein vorzeigen zu müssen, und er schaffte es, sich eine warme Dusche zu gönnen in dem Hotel, in dem er untergebracht war. Er war über jede kleine Kleinigkeit erstaunt.

Jetzt bin ich diejenige, die in Berlin ist. Dabei denke ich daran, dass mein Vater diese Stadt nicht wiedererkennen würde, es gelänge ihm nicht, sie mit jener in Einklang zu bringen, welche er in jenem, wie die Zahlen schon andeuten, orwellschen Jahr besucht hatte. Von der Mauer, die sie in zwei Teile teilte, ist nur noch ein museumsreifes, von verschiedenen Künstlern bemaltes Stück übrig; das Hotel, in dem er war, wurde sehr wahrscheinlich schon abgerissen, und der Name der Frau, die ihm übersetzte und ihn überwachte, damit er nicht in den Westen flüchtete, erscheint in keinem Telefonbuch. Den Koffer gibt es auch nicht mehr, die Schuhe hielten uns nur ein Schuljahr lang und die Fotos mit dem Rot-Stich, welche auf dem Alexanderplatz aufgenommen wurden, sind schon so abgegriffen, dass man nichts mehrdarauf sieht. Dennoch, dessen bin ich mir sicher, wird mein Vater bei meiner Rückkehr versuchen, mir Berlin zu erklären, mir erzählen, wie er in eine Bäckerei ging und es schaffte eine Pastete zu essen, ohne den Bezugsschein zu zeigen. Ich werde lachen und ihm Recht geben; es gibt Träume, die man nach so langer Zeit nicht zerstören sollte.

Übersetzung: Birgit Grassnick

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Das Kapitol von Havanna entkommt endlich seiner langen Abstrafung. Wie ein bußfertiges Kind hat es 54 Jahre gewartet, bis man ihm seinen Status als Sitz des kubanischen Parlamentes zurückgab. Es hat viel mitmachen müssen, es war Naturwissenschaftliches Museum mit ausgestopften Tieren, voller Motten, und in einem seiner Gänge eröffnete das erste öffentliche Internet der kubanischen Hauptstadt. Während die Touristen das riesige Standbild der Republik fotografierten, hingen Tausende von Fledermäusen von seinen sehr hohen verzierten Decken. Sie schliefen mit dem Kopf nach unten am Tag, aber nachts flatterten sie herum und hinterließen ihren Kot an den Wänden und Gesimsen. Dort häufte er sich über Jahrzehnte unter den gleichgültigen Augen der Angestellten und zum Gekicher der Jugendlichen, die auf die Hinterlassenschaften deuteten und sagten „schau, Scheiße, Scheiße“. Dieses Gebäude kenne ich seit meiner Kindheit, in Ungnade gefallen, aber auch jetzt noch imposant.

Die Besucher fasziniert immer die Geschichte des Diamanten, der den Nullpunkt der zentralen Schnellstraße markiert mit seinem gehörigen Maß an Fluch und Gier. Beim Betrachten dieses neoklassischen Kolosses bekräftigen dieselben Reisenden auch, dass „er sehr dem Kapitol von Washington ähnelt“, was wir zwar wissen, aber niemand laut ausspricht. Auf dieser Ähnlichkeit beruht ein Teil der Gründe für die politische Geringschätzung, die unser grandioses Bauwerk erfahren hat. Es erinnert zu stark an jenes andere; ein offensichtlich leiblicher Vetter des Gebäudes, das zum Abbild des Feindes wurde. Aber weil architektonische Symbole einer Stadt nicht auf Befehl hochwachsen, blieb seine Kuppel bestimmend für das Antlitz von Havanna, neben dem Malecón und dem Morro, der sich am Eingang der Bucht erhebt. Für Leute, die aus der Provinz kommen, ist ein Foto vor der riesigen Treppe dieses großen Palastes ein Muss. Seine Kuppel wird außerdem am häufigsten auf Bildern, Fotos, Kunsthandwerk und jedem Trödelkram widergegeben, den jemand in sein Heimatland mitnehmen möchte, um damit zu sagen: ich war in Havanna. Während sie ihm hartnäckig seine Bedeutung rauben wollten, wurde es immer wichtiger. Je mehr man es stigmatisierte, desto betörender wurde seine Mischung aus Schönheit und Dekadenz. Unter anderem weil in den Jahrzehnten nach seiner Erbauung bis heute kein anderes Bauwerk auf der Insel seinen Glanz übertreffen konnte.

Jetzt wird neuerdings die Nationale Volksversammlung genau dort ihre Tagungen abhalten, wo jener Kongress der Republik von Kuba einst zusammentrat, die unsere offiziellen Geschichtsbücher so schmähen. Ich stelle mir vor, wie unsere Parlamentarier auf den gepolsterten Stühlen im Halbrund sitzen, umgeben von den großen Fenstern mit stattlichem Aussehen unter den fein verzierten Stuckdecken. Außerdem sehe ich sie vor mir, wie sie alle ihre Hand heben, um Gesetze einstimmig oder mit überwältigender Mehrheit zu billigen. Stumm, zahm, uniform bezüglich politischer Anschauungen möchten sie der tatsächlichen Macht nicht entgegenstehen. Und ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll, ob das eine neuerliche Demütigung ist, die ausgefeilteste Züchtigung, die man dem Kapitol von Havanna beschert; oder ob es im Gegenteil sein Sieg ist, der lange gehegte Triumpf, auf den es mehr als ein halbes Jahrhundert gewartet hat.

Übersetzung: Iris Wißmüller

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Vergangenen Donnerstag war ich in Havanna, allerdings ohne Madrid zu verlassen. Dank der Gitarre von Boris Larramendi machte ich einen kleinen Sprung auf die Insel. Eine kurze, aber intensive Rückkehr, nur mithilfe der Akkorde und der guten Musik. In einem Lokal der spanischen Hauptstadt trafen wir uns mit einer Gruppe von Freunden, einige Absolventen der Fakultät für Kunst und Literatur, aber auch Vertreter der unzähligen Musikrichtungen, die in den 90er Jahren auf Kuba existierten. Ich fühlte mich wie zu Hause, denn genau im Wohnzimmer unseres Appartements hielten wir eine jener Gesprächsrunden, an die wir uns letzte Nacht erinnerten. Wir dachten uns an unseren Tee aus Zitronengras und das bisschen Zucker, womit wir die Energie wiedererlangten, die wir beim Hochtragen des Fahrrades in die 14. Etage verbraucht hatten. Vor allem aber erinnerten wir uns an die guten Lieder, die wir dort hörten, den Raum der Freiheit, den wir uns wenigstens für ein paar Stunden schaffen konnten.

Abgesehen von Refrains und Reis mit Bohnen, genieße ich insbesondere das Wiedersehen mit diesen Landleuten. Viele von ihnen versuchen immer noch, in einem von Wirtschaftskrise und politischen Zweifeln gezeichneten Spanien Fuß zu fassen. Einige sind arbeitslos, andere illegal, mehrere haben Kinder, die hier geboren wurden und das Land ihrer Eltern nicht kennen; alle sind noch abhängig von dem, was in Kuba passiert. Boris sang, bis er heißer war, unsere Handflächen röteten sich vom Applaus und – längst nach Mitternacht – herrschte beste Laune und wir erzählten uns Witze.

An einer Wand zeigte der Fernseher Bilder, die auf den Straßen Havannas aufgenommen worden waren. Der Malecón und die Straßenecke 23 und L dienten uns als visueller Hintergrund, der unsere „Guaracha“ begleitete, die wir um die zwei Tische herum improvisierten. Auf einmal wurde mir bewusst, dass diese Aufnahme, die auf dem Bildschirm an uns vorbeizog, von einer Überwachungskamera der Polizei stammte. Aber dieses gefilterte Überwachungsmaterial war dort in ein einfaches Unterhaltungsvideo in einem Erholungsgebiet verwandelt worden. Die Banalisierung des amtlichen Auges; die Überwachung, die zu einem frivolen Alltagsbericht umgewandelt worden war. Aber nicht einmal das konnte uns vom Wichtigsten ablenken, das in diesem Raum passierte: unserem Zusammentreffen. Nach der langen Reise und der ausgedehnten Trennung haben wir uns an einem gemeinsamen Punkt getroffen. Wir waren freier als bei jeder anderen Gesprächsrunde in Havanna und dennoch blieben wir die Frucht eben jener Runden. An diesem frühen Morgen erwartete uns unsere glückliche Vergangenheit.

Übersetzung: Valentina Dudinov

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Jeder Stadt teilen wir ein Gesicht zu, jedem Ort eine Persönlichkeit. Camagüey erscheint mir wie eine nüchterne Dame mit langem Stammbaum, Frankfurt trägt die Haare wie ein Punk sowie eine nicht dazu passende Krawatte, Prag hat blaue Augen und ein schiefes Lächeln, wie von jenem jungen Mann, der – nur für eine Sekunde – meinen Weg kreuzte. Lima hingegen hat ein unbeschreibliches, aber mit Staub bedecktes Gesicht. Der Staub Limas wirbelt umher und legt sich auf alles und allem nieder. Er überfliegt die Steilküsten, die sich abrupt zu einem Meer öffnen, das uns Menschen aus der Karibik zu kalt und zu unruhig erscheint. Winzige Partikel aus Erde und Sand kleben sich an den Körper, ans Essen, ans Leben. Staub auf den Früchten des Dschungels, auf dem frisch serviertem „Ceviche“*. Staub ist auch im „Pisco Sour“**, der im Gaumen das Verlangen nach mehr und auch nach nie mehr hinterlässt. Eine goldfarbene, unwirkliche Schicht liegt über den Windschutzscheiben der Autos und dem Zeitungsverkäufer, der dem Rot der Ampel trotzt, um seine Ware noch zu verkaufen, bevor es dunkel wird. Der Staub, in dem wir alle nach unserem letzten Tag enden, nimmt Lima bereits im Leben für uns vorweg.

Wie ein Mädchen mit kupferfarbener Haut so erscheint mir Lima. Reserviert, mit der geheimnisvollen Schweigsamkeit derer, die aus den Bergen kommen. Zudem hat sie heilende Hände. Denn in Lima erlangte ich meine Stimme zurück und das ist keine Metapher. Ich kam nach mehr als 50 Tagen intensiver Reise erschöpft an, heiser und mit Fieber. Ich ging erholt, gewärmt von meinen Freunden, und mit zurückgewonnener Energie, nachdem ich eine Stadt gesehen hatte, die über ihre eigenen Grenzen hinausgewachsen ist. Ich tauchte die Füße zum ersten Mal in den Pazifik, ich kletterte den Hügel des Dorfes El Salvador hinauf, um die Leute zu sehen, die trotz der Trockenheit des Bodens und der Armut Land gewinnen. Ebenso war ich in der historischen Altstadt, mit ihren Kirchen, Touristenangeboten und religiösen Prozessionen. Denn Lima besteht aus unzähligen Städten, von denen einige sich eigenwillig über andere ausbreiten. Wie ein junges Mädchen, dessen Körper aus ihren Kleidern hinausgewachsen ist, und die ihr nun nicht mehr passen. Daher die Verkehrstaus und die vielen Kräne, die überall Gebäude hochziehen. Diese Stadt hat ein Gesicht, das in der Eile zusammengesetzt wurde, ein Auge von hier, ein Mund von dort, eine Stirn von irgendwoher; sie ist Mestizin, eine Gang-Lady, eine Deutsche, Schweizerin, Chilenin und Spanierin…. und ganz viel Lima.

Anm. d. Ü. :
*“Ceviche“ – Peruanisches Fischgericht
** „Pisco Sour“ – Peruanischer Cocktail aus Traubenschnaps
Übersetzung Nina Beyerlein

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Das Flugzeug war in Panama gelandet; draußen vor den großen Glasfenstern schien eine unbarmherzige Tropensonne auf das Pflaster. Ich lief durch die Räume des Flughafens auf der Suche nach einer Toilette und einem Platz, wo ich auf meinen Anschlussflug warten konnte. Im großen Wartesaal machten mir ein paar Jugendliche Handzeichen und fingen an, meinen Namen zu rufen. Es waren Venezolaner. Sie machten hier eine Zwischenlandung zu einem anderen Ziel, genau wie ich. So kam es, dass wir mitten im Gedränge von Koffern und Menschen, die kamen und gingen, ein Gespräch anfingen, während Lautsprecher die Ankunft und den Abflug von Maschinen ankündigten. Sie sagten mir, dass sie meinen Blog lesen würden und sehr gut verstünden, was wir auf der Insel gegenwärtig erlebten. Dann bat ich sie um ein gemeinsames Foto. Sie antworteten mit langen Gesichtern und der dringenden Bitte, ich möge das Bild nicht auf Facebook oder Twitter hochladen, „denn dann bekommen wir in unserem Land Probleme“. Ich war verblüfft. Plötzlich erinnerten mich die Venezolaner auf erschreckende Weise an die Kubaner: sie sprachen ängstlich, mit gedämpfter Stimme und vermieden alles, was sie bei der Staatsmacht kompromittieren könnte.

Dieses Zusammentreffen ließ mich über die Kontrolle durch eine Ideologie nachdenken, über exzessive Überwachung und Einmischung durch den Staat, was sich auf alle Einzelheiten des täglichen Lebens erstreckt. Trotz der Ähnlichkeiten, die ich zwischen den jungen Leuten und meinen Landsleuten feststellte, wurde mir dennoch bewusst, dass ihnen Freiräume geblieben sind, die für uns nicht mehr zugänglich sind. Bei diesen noch offenen Durchlässen handelt es sich präzise gesagt um die Wahlen. Die Tatsache nämlich, dass am heutigen Sonntag die Venezolaner wählen gehen und mit ihrer Stimme – neben all den regierungsnahen Gaunereien – die unmittelbare Zukunft ihres Landes bestimmen können, ist etwas, was man uns Kubanern seit langer Zeit schon genommen hat. Geschickt hat die kommunistische Partei unseres Landes die Möglichkeit unterbunden, zwischen mehreren politischen Optionen wählen zu können. Fidel Castro, im Bewusstsein, dass er in ehrlichem Kampf keine Chancen hätte, zog es vor, seinen Weg allein weiter zu gehen und wählte als einzigen Nachfolger jemanden, der außerdem noch seinen eigenen Namen trägt. Wenn ich die Gegebenheiten vergleiche, so bleibt für die Venezolaner die Hoffnung…..für die Kubaner das Unbehagen des Niemals.

Deswegen, und weil ich den Käfig von innen kenne, wage ich es den Venezolanern zu empfehlen, dass letztlich nicht sie selbst die einzige Tür nach draußen schließen sollten, auf die man zählt. Ich hoffe, dass jene jungen Leute, die ich im Flughafen von Panama-Stadt traf, genau jetzt von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Ich wünsche ihnen, dass sie am Ende dieses Tages nicht wieder Repressalien fürchten müssen, weil sie ein Foto mit jemandem gemacht haben, ihre Gedanken geäußert haben, oder eine Kritik unterschrieben haben. Nun ja, ich wünsche ihnen dass sie das erreichen, was wir nicht schaffen.

Übersetzung: Dieter Schubert

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Als ich vor ein paar Jahren das erste Mal Kuba verließ, fuhr ich einmal in einem Zug von Berlin Richtung Norden, einem Berlin, das bereits wiedervereinigt war, aber immer noch Reste von dieser hässlichen Narbe trug, von jener Mauer, die ein Volk gespalten hatte. In jenem Zugabteil fing ich mit einem jungen Mann mir gegenüber ein Gespräch an, während ich mich dabei an meinen Vater und meinen Großvater erinnerte, die beide bei der Eisenbahn beschäftigt waren und alles Mögliche dafür gegeben hätten, mit diesen wunderbaren Waggons und dieser Lokomotive fahren zu können. Nachdem wir die ersten Grußworte gewechselt hatten und ich die deutsche Sprache mit einem ‘Guten Tag‘ und der Bemerkung ‘Ich spreche ein bisschen Deutsch‘ malträtiert hatte, fragte mich der Mann sofort, woher ich käme. Ich antwortete also mit ‘Ich komme aus Kuba‘. Bisher hatte ein Gesprächspartner nach der Bemerkung, man komme von der größten Insel der Antillen, immer zeigen wollen, wie viel er von unserem Land wusste. Für gewöhnlich traf ich auf dieser Reise mit Leuten zusammen, die zu mir sagten ‘ah … Kuba, ja, Varadero, Rum, Salsa‘. Ein paar Mal erlebte ich auch, dass sie außer dem Album ‘Buena Vista Social Club’, das damals gerade in den Hitlisten einen überwältigenden Erfolg hatte, nichts von unserem Volk zu kennen schienen. Aber jener junge Mann in einem Zug von Berlin überraschte mich. Im Gegensatz zu anderen antwortete er mir nicht mit einem touristischen oder musikalischen Klischee, sondern er ging viel weiter. Seine Frage lautete: ‘Du kommst aus Kuba? Aus dem Kuba von Fidel oder dem Kuba von Miami?‘

Ich wurde rot im Gesicht, vergaß ganz und gar das bisschen Deutsch, das ich konnte, und antwortete ihm in meinem besten Centro-Habana-Spanisch: ‘Junge, ich bin Kubanerin von José Martí‘. Damit war unsere kurze Unterhaltung zu Ende. Jenes Gespräch habe ich jedoch für den Rest der Reise und den Rest meines Lebens nicht vergessen. Ich habe mich oft gefragt, was jenen Berliner und so viele andere Menschen auf der Welt dazu gebracht hat, die Kubaner auf und die außerhalb der Insel als zwei separate Welten zu sehen, zwei unversöhnliche Welten. Die Antwort auf diese Frage zieht sich auch durch einen Teil der Arbeit in meinem Blog Generación Y. Wie kam es, dass sie unser Volk aufgeteilt haben? Wie kam es, dass eine Regierung, eine Partei, ein Machthaber sich das Recht anmaßten, darüber zu befinden, wer unsere Staatsangehörigkeit besitzen durfte und wer nicht. Die Antwort auf diese Fragen kennt ihr viel besser als ich. Ihr, die ihr den Schmerz des Exils erlebt habt, ihr, die ihr meistens nur mit dem, was ihr gerade anhattet, aufgebrochen seid. Ihr, die ihr euch von euren Angehörigen verabschiedet habt, von denen ihr viele niemals wiedersaht. Ihr, die ihr versucht habt, Kuba zu beschützen, das einzigartige, unteilbare, vollkommene Kuba, in euren Köpfen und euren Herzen.

Aber ich frage mich weiterhin: Was ist passiert? Wie kam es, dass die Volksbezeichnung „Kubaner“ nur noch in Anbetracht einer Ideologie verliehen wird? Glaubt mir, wenn man hineingeboren wird in nur eine Version der Geschichte und mit ihr aufwächst, eine verstümmelte und zweckmäßige Version der Geschichte, dann fällt es einem schwer sich diese Fragen zu beantworten. Zum Glück ist es immer möglich, aus der Indoktrinierung aufzuwachen. Es genügt, dass sich jeden Tag eine Frage in unser Hirn bohrt, wie eine zersetzende Säure. Es genügt, dass wir uns nicht mit dem zufrieden geben, was sie uns sagten. Die Indoktrinierung verträgt sich nicht mit dem Zweifel, die Gehirnwäsche endet genau dort, wo eben dieses Gehirn anfängt die Sätze, die sie ihm gesagt haben, in Frage zu stellen. Der Prozess des Aufwachens ist langsam, es beginnt wie eine Verfremdung, als würdest du plötzlich die Nähte der Realität sehen. So hat es zumindest bei mir begonnen. Ich war eine mittelmäßige, kleine Pionierin, das wisst ihr alle. Ich wiederholte in der Grundschule all morgendlich dieselbe Parole „Pioniere des Kommunismus, lasst uns sein wie Che“. Unzählige Male rannte ich mit der Gasmaske unter dem Arm in die Schutzräume, während meine Lehrer mir versicherten, dass wir recht bald von irgendwoher angegriffen werden würden. Ich glaubte es. Ein Kind glaubt immer, was ihm Erwachsene erzählen. Aber es gab einige Dinge, die nicht zusammenpassten. Der gesamte Prozess der Wahrheitssuche hat seinen Auslöser. Just ein Moment, in dem eine Sache nicht zusammenpasst, wo etwas keine Logik hat. Und dieses Fehlen der Logik war außerhalb der Schule, war in meiner Siedlung, bei mir zu Hause. Ich verstand nicht wirklich, warum denn jene, die von Mariel ausgelaufen sind „Feinde des Vaterlands“ waren, warum meine Freundinnen sich so freuten, wenn irgendeiner der im Exil lebenden Verwandten ihnen Essen oder Kleidung schickte. Warum jene Nachbarn, die mit einer Hetzkampagne auf dem Gelände „Cayo Hueso“, wo ich herkomme, verabschiedet wurden, nun diejenigen waren, welche sich um die alte Mutter kümmerten, die zurück geblieben ist, und die wiederum Sachen aus jenen Paketen an diejenigen verschenkte, welche mit Eiern auf ihre Kinder geworfen und sie beschimpft haben? Ich verstand nichts. Und aus diesem Unverständnis heraus, schmerzhaft wie nun mal jede Geburt, wurde die Person geboren, die ich heute bin.

Deshalb bin ich aufgesprungen wie ein Löwe und bin ihn angegangen, diesen armen Berliner, der noch nie in Kuba war und nun versuchte, meine Nation aufzuteilen. Deshalb stehe ich nun heute vor euch und versuche dabei zu helfen, dass niemals wieder jemand uns aufteilt in eine Klasse von Kubanern oder eine andere. Wir werden euch brauchen in dem zukünftigen Kuba und wir brauchen euch jetzt, im gegenwärtigen Kuba. Ohne euch wäre unser Land nicht vollständig, wie einer, dem die Gliedmassen amputiert wurden. Wir können es nicht zulassen, dass sie uns weiterhin aufteilen. Wir kämpfen gleichfalls darum in einem Land zu wohnen, in dem die Redefreiheit und die Versammlungsfreiheit erlaubt sind, und viele weitere Rechte, deren sie uns beraubt haben; wir müssen alles unternehmen – das Mögliche und das Unmögliche – damit ihr diese Rechte, die auch euch genommen wurden, wiedergewinnt. Es gibt eben kein ihr und wir …. es gibt nur ein „wir“. Wir dürfen nicht erlauben, dass sie uns weiterhin aufteilen.

Hier bin ich, weil ich nicht die Geschichte glaubte, die sie mir erzählt haben. Ebenso, wie viele andere Kubaner auch, die mit nur einer offiziellen „Wahrheit“ aufwuchsen, sind wir aufgewacht. Wir müssen unsere Nation wieder aufbauen. Wir alleine können das nicht. Die hier Anwesenden – die es nur zu genüge wissen – haben vielen Familien auf der Insel geholfen, ihren Kindern einen Teller Essen auf den Tisch stellen zu können. Sie haben ihren Weg gemacht mit Gesellschaften, die sie aus dem Nichts gegründet haben. Sie haben Kuba gehegt und gepflegt. Helft uns, es wieder zusammen zu fügen, diese Mauer nieder zu reißen, welche im Unterschied zu der von Berlin weder aus Beton noch aus Ziegeln gebaut ist, sonder aus Lügen, Schweigen, schlechten Absichten.
In diesem Kuba von dem viele von uns träumen, wird es nicht nötig sein, zu erklären welche Klasse von Kubaner einer ist. Wir werden schlicht und einfach Kubaner sein, Kubaner – und Punkt! Kubaner.

[Dieser Text wurde bei dem Festakt im Freiheitsturm von Miami, Florida, am 1. April 2013 vorgelesen]

Übersetzung: Birgit Grassnick, Angelika Münch-Holzmeier

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Ich habe Kuba außerhalb von Kuba gefunden, sagte ich vor einigen Tagen zu einem Freund. Er lachte über mein Wortspiel, da er glaubte, ich wollte literarisch formulieren. Aber das stimmt nicht. In Brasilien schenkte mir eine Siebzigjährige gerührt ein Medaillon mit der Jungfrau del Cobre. „Ich bin, seitdem ich 1964 wegging, nicht zurückgekehrt“, bekräftigte sie, wobei sie mir jenes kleine Schmuckstück übergab, das ihrer Mutter gehört hatte. Während meines Aufenthalts in Prag schien eine Gruppe von Landsleuten, die sich dort angesiedelt hatten, besser über die Geschehnisse in unserem Land Bescheid zu wissen, als viele, die auf Kuba in Apathie dahinvegetieren. Zwischen den hohen Gebäuden von New York lud mich eine Familie zu sich nach Hause ein und die Großmutter machte einen Kokospudding nach dem Rezept unserer traditionellen Küche, so selten geworden auf der Insel wegen des Mangels und der schlechten Versorgung.

Unsere Diaspora, unser Exil bewahrt Kuba außerhalb von Kuba. Neben den Koffern und dem Heimweh haben sie Stücke aus der nationalen Geschichte bewahrt, die aus den Textbüchern gelöscht wurden, mit denen mehrere Generationen von uns erzogen, besser gesagt, abgerichtet wurden. Ich entdecke gerade in jedem dieser Kubaner, die über die Welt verstreut sind, mein eigenes Vaterland wieder. Ich stelle fest, was aus ihnen wirklich geworden ist, dann setze ich es dem gegenüber, was die offizielle Propaganda mir über sie gesagt hat, und werde schließlich furchtbar traurig über mein Land. Wegen dieses ganzen Menschenstroms, den wir verloren haben, wegen so vieler Talente, die außerhalb unserer Grenzen zur Blüte kommen, wegen all dieser Samenkörner, die in anderen Ländern sprießen müssen. Wie konnten wir es zulassen, dass eine Ideologie, eine Partei, ein Mann sich berechtigt fühlten, mit „göttlicher“ Macht zu entscheiden, wer die Volksbezeichnung „Kubaner“ tragen darf und wer nicht.

Nun habe ich den Bewies, dass sie mich belogen haben, dass sie uns belogen haben. Niemand musste es mir sagen, ich habe es selbst gemerkt, als ich das ganze Kuba außerhalb von Kuba sah, dieses riesige Land, das diese Menschen für uns bewahrt haben.

Übersetzung: Iris Wißmüller

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Mexiko erlaubt keine Halbtöne, lässt nicht zu, dass wir verschont bleiben. Es ist wie die Schärfe auf der Zunge, der Tequila im Rachen und die Sonne in den Augen. Fünf Tage im Land der gefederten Schlange und es fällt mir schwer in das Flugzeug zu steigen, da mich das heftige Verlangen gepackt hat, diese faszinierende und komplexe Realität noch weiter zu erkunden. Ich habe moderne Gebäude wenige Meter von den Ruinen des Templo Mayor gesehen; gewaltige Staus auf den Straßen, während auf den Bürgersteigen einige in aller Ruhe schlendern, als hätten sie keine Eile irgendwo hin zu kommen. Ich habe auch festgestellt, dass der lächelnde Schädel von Catrina* sich problemlos zwischen den bunten Ponchos im Gedränge der Ciudadela einreiht. Mit ihrem sarkastischen Lachen, dem gefederten Hut und dem offen liegenden Gerippe, fordert sie mich heraus. Jemand hat mir eine Süßigkeit zum Probieren gegeben und es war unglaublich süß, bestreut mir Zucker; danach biss ich von einer Tamale** ab und der „Kick“ von Chili in meinem Mund ließ mich einige Tränen vergießen. Mexiko erlaubt keine lauwarmen Gefühle, du liebst es oder du liebst es.

Umgeben von Kontrasten begann also meine aztekische Rundreise. Von Puebla bis Mexiko City traf ich Freunde und besuchte verschiedene Zeitungsredaktionen, Radiostationen und – vor allem – sprach ich mit vielen, vielen anderen Journalisten. Aus erster Hand wollte ich etwas über die Chancen und Risiken des Berufes eines Reporters in dieser Gesellschaft erfahren und traf eine große Zahl von besorgten Profis, die dennoch ihren Beruf ausübten. Menschen, die – insbesondere im Norden des Landes – ihr Leben riskieren, um zu berichten, Menschen, die genauso wie ich an die Notwendigkeit einer freien, verantwortungsvollen und realitätsnahen Presse glauben. Ich habe von ihnen gelernt. Ich habe mich auch in ein Netz von kleinen Lädchen und Kiosken im Zentrum der Stadt verirrt und habe dort den Puls des Lebens gespürt. Ein Leben, das ich schon aus der Luft wahrnahm vor der Landung, als ich am frühen Samstagmorgen den Ameisenhügel beobachtete, den Mexiko Stadt mit seinen vielen Stadtteilen darstellt, das in vollen Zügen brodelte, obwohl es so früh war.

Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, ein Stück aus dem Roman „Die wilden Detektive“ von Roberto Bolaño zu erleben. Aber ich war nicht auf der Suche – wie die Protagonisten des Buches – nach einer Kultdichterin, die in der Vergessenheit geraten war. In Wirklichkeit versuchte ich mein eigenes Land durch die Augen der Mexikaner zu sehen und zu entdecken. Und ich fand es. Eine mehrfach interpretierte und vielfältige, aber nahe gelegene Insel; die überall Leidenschaften hervorruft und die niemanden ungeschoren davon kommen lässt. Bevor ich abflog, fragte mich ein Freund „Was fühlst du bei Mexiko?“ Ich überlegte nicht lange: scharf, antwortete ich, wie eine Würze, die eine Erschütterung im ganzen Körper verursacht und Tränen auslöst, der Freude und der Pein. „Und Kuba?“, beharrte er, „Was für ein Gefühl hast du da?“ … Kuba, Kuba ist bittersüß…

Anm. d. Ü.
* La Catrina: ist eine Skelett-Dame, die ein Symbol für den Tag der Toten in Mexiko darstellt.
** Tamale: ist ein traditionelles mexikanisches Gericht aus Maisteig, das mit Fleisch, Käse oder anderen Zutaten gefüllt wird.
Übersetzung: Valentina Dudinov

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Was ist anders? Die Gerüche und die Temperatur, denke ich im ersten Moment. Danach kommen die Geräusche, die immer so besonders für jeden Ort sind, das Grau des Himmels im Winter oder der dunkle Farbton des Wassers eines Flusses, der durch einen großen Teil Europas fließt. Was ist wirklich neu? Frage ich mich weiter, während ich hier einen Geschmack ausprobiere und dort zum ersten Mal eine Hand schüttle. Vielleicht die Musik, der Klang der Straßenbahn, wenn sie an der Haltestelle bremst, der Schnee, der sich an den Seiten der Bürgersteige anhäuft, die Frühlingsblumen, die versuchen zu sprießen, obwohl ihnen vielleicht der Schlimmste aller Frosteinbrüche noch bevorsteht? Worin liegt das Seltsame? In den Kirchenglocken, die jede Stunde auf die Minute genau um die Wette läuten zu scheinen, oder in bestimmten Gebäuden, die so antik sind, dass sie die Bauten in Havannas Altstadt dagegen jung aussehen lassen.

Die wahre Neuigkeit liegt für mich jedoch weder in den modernen Autos, die es in Hülle und Fülle gibt, noch im WLAN-Signal, das einen Internetzugang von fast allen Orten aus erlaubt. Auch nicht in den Kiosks, voller Zeitungen, nicht in den prall gefüllten Regalen der Geschäften, oder dem Hund, der im Gang der U-Bahn behandelt wird als wäre er der Herr des Geschehens. Das Merkwürdige liegt nicht in der Freundlichkeit der Verkäufer, dem beinahe Nichtvorhandensein von Warteschlangen, nicht in den Wasserspeiern mit Krallen und scharfen Zähnen, die an den Fassaden hervorstehen, oder dem dampfenden Wein, der eher getrunken wird, um den Körper zu erwärmen als den Geschmack zu genießen. Keine dieser neuen oder – nach einer Dekade ohne zu reisen – fast vergessenen Eindrücke kennzeichnen den Unterschied zwischen der Insel, die ich jetzt mit Distanz betrachte, und den Ländern, die ich diesmal besuche.

Der wichtigste Unterschied liegt in dem, was erlaubt ist oder nicht. Seit ich aus dem ersten Flugzeug gestiegen bin, warte ich darauf, dass mich jemand schimpfend zurecht weist, dass jemand auftaucht und mich darauf aufmerksam macht „Das darf man nicht machen!“. Suchend blicke ich mich nach einem Wachmann um, der auf mich zukommt, um zu sagen „Fotografieren ist nicht erlaubt“, nach dem Polizisten mit dem grimmigen Gesicht, der mir zuschreit: „Bürgerin, zeigen Sie mir Ihren Ausweis!“, nach dem Beamten, der mir in irgendeinem Gang den Weg versperrt und verkündet „Hier ist kein Zugang möglich“. Doch ich bin noch auf keine dieser Personen, wie es sie in Kuba so häufig gibt, gestoßen. Daher besteht für mich der große Unterschiede nicht in den köstlichen Körnerbroten, noch im vermissten Rindfleisch, dass jetzt zurück auf meinen Teller kehrt, oder im Klang anderer Sprachen in meinen Ohren. Nein. Der große Unterschied ist, dass ich nicht ständig das rote Signal der Ächtung wie einen Stempel auf mir fühle, das Pfeifen, dass mich bei etwas Heimlichen überrascht, das permanente Gefühl, was immer ich mache oder denke, könnte verboten sein.

Übersetzung: Nina Beyerlein

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