Generación Y ist ein Blog, der angeregt ist durch Leute wie mich: Deren Namen mit dem Buchstaben „Ypsilon“ beginnen oder ihn enthalten. Unsere Generation wurde im Kuba der 70er- und 80er-Jahre geboren und von Landschulaufenthalten, russischen Zeichentrickfilmen, illegalen Ausreisen und Frustration geprägt. Deshalb lade ich besonders Yanisleidi, Yoandri, Yusimí, Yuniesky und andere dazu ein, dass sie sich „ihr Ypsilon“ schnappen, meine Texte lesen und mir schreiben.


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Nach überstandener Grippe, trällere ich einen Song des Liedermachers Erick Sánchez aus Havanna vor mich hin, den er mir bei seinem letzten Konzert gewidmet hat und an dem ich euch teilhaben lassen möchte. Eine eingängige Melodie über jene, denen nichts anderes einfällt, als – mit vor der Brust verschränkten Armen – darauf zu warten, dass andere etwas unternehmen. Das Lied hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber Erick hat ihm einen improvisierten Schluss angefügt, der es in die heutigen Zeiten der angeblichen Reformen und Erwartungen versetzt.

Mit diesem Video, das ich selbst im kleinen Theater des Museo de Bellas Artes aufgenommen habe, möchte ich erstmalig etwas Multimediales in diesem Blog einstellen. Wir haben ja nur siebzehn Monate „warten“ müssen, um ein bisschen Musik zu liefern, das ist nicht allzu lange …

Vorigen Samstag bin ich wieder nach Pinar del Río gefahren, und im nächsten Blogeintrag werde ich einige Bilder zeigen und Anekdoten erzählen, über das, was ich dort gesehen habe. Bis dahin überlasse ich euch erst einmal dem Rhythmus der Improvisation von Erick Sánchez.

Warten, warten, warten
darauf, ohne Erlaubnis ausreisen zu können
Warten, warten, warten
dass sie eine einheitliche Währung schaffen
Warten, warten, warten
Und, dass sie das machen, ohne dir wehzutun
Warten, warten, warten
Ohne die ganze Fragerei

•    Ich widme dieses Lied Adolfo Fernández Saínz*, der letzte Woche im Gefängnis von Canaleta seinen Hungerstreik beendete. Mit seiner Entschiedenheit und der Unterstützung von vielen, die sich seinen Forderungen angeschlossen haben, wurde erreicht, dass ihm die Gefängniswärter die konfiszierten Bücher zurückgaben.
Adolfo, mein Bruder, dieses Lied ist für dich, und hoffentlich musst du nicht mehr lange warten.

Video: ESPERAR (dt.: Warten)

Anmerkung der ÜbersetzerInnen:
* Juan Adolfo Fernández Saínz (geb. 1946), Übersetzer und freier Journalist der nicht legalisierten Presseagentur „Patria“ in Havanna, wurde im Rahmen einer Verhaftungswelle im März 2003 in Havanna festgenommen. Er wurde gemäß Artikel 4.1, 4.2.b, 7.1 und 7.3 des Gesetzes 88 zur Sicherung der nationalen Unabhängigkeit und der Wirtschaft Kubas (”Ley de Protección de la Independencia Nacional y la Economía de Cuba”) in einem Schnellverfahren, das nicht internationalen Standards entsprach, zu 15 Jahren Haft verurteilt. Dieses Gesetz sieht sieben bis 15 Jahre Haft für die Weitergabe von Informationen an die USA vor. Die Strafe kann auf bis zu 20 Jahre ausgedehnt werden. Artikel 4 des Gesetzes 88 verlangt bis zu 15 Jahre Gefängnis für die Weitergabe von Informationen an die US-Regierung oder ihre Agenten, die dazu benutzt werden könnten, anti-kubanische Maßnahmen, wie das US-Embargo, zu festigen. Der Artikel 7 dieses Gesetzes bestraft die Kollaboration mit Radio- und Fernsehstationen, Print- und anderen Medien zur Unterstützung der US-Politik. Dieses Gesetz wird häufig als Grundlage für die Verhaftung und Verurteilung von Dissidenten herangezogen. Aufgrund seiner Unbestimmtheit und Ungenauigkeit fordert Amnesty International die Abschaffung dieses Gesetzes.
Mittlerweile ist Juan Adolfo Fernández Saínz aufgrund schlechter Haftbedingungen unterernährt und schwer erkrankt. Er erhält jedoch nur eine völlig unzureichende medizinische Versorgung.
(Quelle: Amnesty International)

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Die Bestandsaufnahme nach der Katastrophe ist beendet und unsere Nachrichtensendungen scheinen in eine rosafarbene Phase eingetreten zu sein, in der lediglich Raum für Erzählungen von Wiederaufbau und Optimismus ist. Die Meinungen und die Gesichter, die im Fernsehen gezeigt werden, sind sorgsam ausgewählt: Es werden nur diejenigen gezeigt, die etwas Ermutigendes zu sagen haben. Die Phrase der „Rückkehr zur Normalität“ wird von den Parteioberen wiederholt, von den Fahrern der mit Dachziegeln beladenen Lastwägen und sogar von den Geschädigten selbst. Man versucht um jeden Preis, das „jetzt“ auszulöschen, um zu einem „vor“ den Wirbelstürmen zurückzukehren.

Sicher ist jedoch, dass ich nicht glaube, dass wir einen Monat zuvor etwas gehabt hätten, das einer „Normalität“ ähnlich gewesen wäre. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass ich in den drei Jahrzehnten, die ich bereits auf dem Buckel habe, nie irgendetwas anderes als das Anormale erlebt habe. Diejenigen, die dieses Wort benutzen, würde ich gern einmal fragen, ob sie glauben, dass die Spezialperiode* normal sei, die Angst vor dem Notstandsplan „Opción cero“**, die nicht enden wollenden Reden***, die Schlacht der Ideen****, die Agitationsversammlungen gegen Andersdenkende*****, meine Freunde, die ein Floß ausrüsten, um sich damit aufs Meer zu begeben, das „ja, es gibt was, aber du bist noch nicht an der Reihe“ bzw. „du bist jetzt dran, aber es gibt nichts“, die ständigen Warteschlangen, die Versprechen von Veränderungen, die nicht konkretisiert werden, die brachliegenden landwirtschaftlichen Nutzflächen, die Idee eines belagerten Ortes, wo das Vertreten einer anderen Meinung mit Verrat gleichgesetzt wird, das Sprechen mit gesenkter Stimme, die Paranoia, dass jeder vom Staatssicherheitsdienst sein könnte, die Reisebeschränkungen, die Priviligien von einigen Wenigen, die zwei Währungen, die Indoktrination in den Schulen, das Fehlen von Zukunftschancen, die Werbebanner mit Parolen, an die niemand glaubt, und das Abwarten, das Harren, die Träume, dass eines Tages alles in einem Punkt zusammenlaufen könnte, der einer „Normalität“ nahe kommt.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Der Notstand, den Fidel Castro 1990 nach dem Zusammenbruch des Ostblocks verkündete. Die „Período especial en tiempos de paz“ (dt.: „Sonderperiode in Friedenszeiten“) ist bis heute offiziell nicht aufgehoben.
** Wörtlich etwa: Nullösung. Notstandsplan der kubanischen Regierung für den Fall, dass der Bedarf der Bevölkerung durch Importe nicht mehr gedeckt werden kann.
*** Eine Anspielung auf die bis zu sieben Stunden langen Reden von Fidel Castro.
**** Wörtlich: Schlacht der Ideen. Unter Beteiligung mobilisierter Massen entwickelte Programme im Bereich der Bildung und Kultur, mit denen der Bedrohung durch den Kapitalismus die Verbesserung der Lebensverhältnisse im Sozialismus und die Ausbildung des Bewusstseins entgegengestellt werden sollen.
***** Gemeint sind die in den staatlichen Medien als “spontan” bezeichneten Menschenansammlungen, die DissidentInnen und Andersdenkende in der Öffentlichkeit beschimpfen, beleidigen bzw. regierungstreue Parolen skandieren.

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Es gibt Leute, die eine ganz Wand mit ihren Urkunden tapeziert haben oder denen es das Hemd nach unten zieht, wegen des Gewichts der Medaillen. Helden die Narben sammeln und wir Bürger sammeln Enttäuschungen. Um bei dieser Sammelleidenschaft nicht hinten anzustehen, lege ich meine ganz eigene Kollektion an. Ich trage abgelehnte Ausreiseanträge, Papiere die wiederholen, dass ich „zum gegenwärtigen Zeitpunkt“ nicht ausreisen darf und Flugtickets mit aufgeschobenen Flügen zusammen. All das mit derselben Zwanghaftigkeit, mit der andere Etiketten von Erfrischungsgestränken oder Keramikfigürchen horten.

Unnachgiebig, wie eine Dose Kondensmilch, habe ich nochmals meine Pappiere für eine Reise nach Europa vorgelegt. Nicht einverstanden mit dem „Nein“, dass ich im Mai zur Antwort bekam, kehrte ich wieder zum „Büro für Ausreise-und Auslandsangelegenheiten“ im Stadtteil Playa zurück. Ich wartete einige Tage, während ein kaputt gegangenes Aufklebergerät die Antwort hinauszögerte, die mir intuitiv schon längst klar war. Schließlich bestätigte mir jemand in olivgrün, dass die Strafe weiter Bestand hat. Die Besserungsmaßnahme, der Reis unter meinen Knien, ist in meinem Fall das Verbot, die Insel zu verlassen. Hat Vater Staat immer noch nicht gelernt, zu was für ätzenden Kindern diejenigen werden, die nur selten das Haus verlassen?

• Ich überlasse euch hier das zweite Dokument in weniger als einem Jahr, das meine Existenz als gefangene Bloggerin bezeugt.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

Hier findet ihr eine Übersetzung des gesamten Dokuments.

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Samstagnacht und ich gähne zunehmend häufiger über einen langweiligen Polizeithriller. Das Telefon klingelt und es ist Adolfo. Er sitzt noch immer hinter Gittern, seit man ihn – im Zuge eines hysterischen Anfalls der Mächtigen – im Schwarzen Frühling des Jahres 2003 verhaftet hatte. Man hört, dass er aufgeregt ist. Einige Gefängnisangestellte, quasi Analphabeten, verhindern, dass er die Bücher und Zeitungen erhält, die ihm seine Frau beim letzten Besuch mitgebracht hatte. Die Liste der „gefährlichen“ Texte schließt die katholischen Veröffentlichungen Palabra Nueva*, Espacio Laical** sowie einige spirituelle Reflektionen des Heiligen Augustin mit ein. Seine wegen derselben Anschuldigungen verurteilten Kollegen, Pedro Argüelles Morán und Antonio Ramón Días Sánchez, haben sich zusammengetan, um über die einzige ihnen zur Verfügung stehenden Form Druck auszuüben: das Verweigern der mageren Essensration, die man ihnen auf die Teller tut. Nicht einmal die Nahrungsaufnahme der Buchstaben lassen sie also zu, unterbinden sogar die fade Ration, die sie am Leben erhält.

Der Argwohn, den die Bücher unter den Gefängniswächtern von Canaleta*** auslösen, hat mich an die lyrische Novelle „“El Gran Burundún Burundá ha muerto”**** des kolumbianischen Autors Jorge Zalamea***** erinnert. Ein Diktator, der sich vor sprachlichen Äußerungen fürchtet, zwingt seinen Untergebenen darin eine Welt ohne Kommunikation und ohne Literatur auf. Um sicherzustellen, dass seine Vorschrift zu schweigen auch befolgt wird, rekrutiert er alle, die sich von der Sprache gekränkt fühlen. Für die Bildung eines Netzes von Zensoren versammelt er um sich „ diejenigen, die der Leidenschaft nicht fähig sind, diejenigen, denen es an Vorstellungskraft mangelt, diejenigen, die noch nie für sich selbst gesprochen haben, (…) diejenigen, die die Bestien schlagen und die Kinder, wenn sie ihre Blicke nicht zu deuten wissen …“.

Von derselben Sorte ungebildeter Zensoren sind die Handlanger, die heute Adolfos Bücher zurückhalten. Die Gefängniswärter des Ausdrucks erfassen intuitiv – das hatte der Große Burundún ebenfalls verstanden – dass die menschliche Natur und „die Widerspenstigkeit, die ihr eigen ist, ihren Ursprung im geäußerten Wort haben“. Sie fürchten, dass wenn Adolfo, Pedro und Antonio in ein Essay oder eine Erzählung abtauchen, die Eisenstangen verschwinden werden, das Gefängnis weit weg rücken wird und sie es schaffen, ihre enormen Strafen von sich abzuschütteln. Die von den Gefängniswächtern kubanischer Haftanstalten erhaltene „Anweisung“ führt immerhin dazu, dass sie wissen, dass ein Buch etwas extrem gefährliches ist.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Deutsch: „Neues Wort“
** Deutsch etwa: „Laienraum“
*** Haftanstalt in Ciego de Ávila
**** Deutsch: „Der große Burundún Burundá ist tot“
***** Jorge Zalamea (1905-1969)

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Sie hätte Gea gehießen und ihr Erscheinen hätte Teo von der Last erleichtert, als Einzelkind aufzuwachsen. Ihretwegen hätte ich abermals Babybrei aus Malangawurzeln zubereitet, nachts Fläschchen erhitzt und unzählige Windeln gewaschen. Aber bei genauerem Hinsehen blieb Gea der Wunsch nach einem weiteren Kind, das ich nicht bekam. Ich versetzte mich 20 Jahre in die Zukunft, mit denselben Wohnungsproblemen wie heute und mit zwei verheirateten Kindern, die mit ihren Angetrauten in unserer Wohnung leben würden. Anfangs würden die drei Ehepaare sich um ein harmonisches Zusammenleben bemühen, doch Streitereien wären unausweichlich.

Unsere Wohnung wäre eine von vielen, in denen mehrere Generationen leben und sich täglich eine lautlose Schlacht abspielt. Der Kühlschrank wäre in drei Zonen aufgeteilt und die Paare würden, angesichts der Nähe zu den anderen Betten, den Liebesakt im Stillen vollziehen. Die Enkelkinder würden kommen, um das Zimmer mit den Großeltern zu teilen - in diesem Fall wären das mein Mann und ich - und sie spüren lassen, dass sie bereits den Allerkleinsten im Wege stehen. Die Kinder verbrächten einen Großteil ihrer Zeit auf dem Gang vor den Wohnungen oder auf der Straße, wegen des wenigen Platzes, der in der Wohnung zur Verfügung steht. Sie würden Teenager werden und sich Partner suchen, neue potentielle Bewohner für diese bereits zum Bersten volle Wohnung.

Wenn meine Generation und die von Teo schon vor den Wirbelstürmen Gustav und Ike vierzig Jahre lang auf eine Wohnung hatten warten müssen, hat die Wartezeit jetzt die Lebenserwartung eines Menschenlebens überschritten. Gemeinsam mit den Dächern und Fenstern, die von den Stürmen fortgerissen wurden, flogen auch unsere Träume davon, ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben. Wenn es keine Materialien gibt, um den Geschädigten ihr Verluste zu ersetzen, was können dann diejenigen noch erwarten, die auch schon zuvor nichts besessen hatten?

Ohne Sentimentalismus: Gea hat sich für immer aus meinem Leben verabschiedet, jetzt, wo es wirklich keinen Platz mehr für sie geben wird.

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August und September sind eine harte Bewährungsprobe für die so heiß ersehnten ökonomischen Reformen gewesen, die untergegangen zu sein scheinen, bevor sie überhaupt Anker lichten konnten. „Du musst Vertrauen in die Führung Raúl Castros haben“, redet mir eine Freundin angesichts meines andauernden Misstrauens zu. „Bald werden sie neue Maßnahmen ergreifen“, versicherte mir dieselbe Frau vor nun schon fast drei Monaten. Sie gehört zur Gruppe derjenigen, die erwarten, dass unsere Regierenden unsere derzeitigen Probleme lösen können – einen Großteil davon haben sie durch ihre absurden Verbote selbst heraufbeschworen. Ich wiederum gehöre dem kleinen Grüppchen der Skeptiker an.

Die Zweifel rühren von etwas her, das als „Sündenfall“ der Regierung Raúl Castros bezeichnet werden kann: Sie ist nicht vom Volk gewählt worden, sondern Ergebnis der Erbfolge innerhalb einer Dynastie. Er wurde nicht gewählt, indem er – wenigstens – einen Gegenkandidaten gehabt hätte, und für mich ist eine simple Ernennung ohne Alternative einfach keine Wahl.

Der derzeitige Präsident schlug uns kein Programm vor, hat seinen Wählern nichts versprochen und muss uns daher auch keine Rechenschaft ablegen. Die so dringend notwendigen Maßnahmen können in einem Jahr oder in fünf Jahren kommen, davon hängt sein Posten nicht ab. Er gelangte, ohne dass es Konkurrenten gegeben hätte, an den verführerischen Apfel der Macht. Jetzt kann er ihn ohne Hast verspeisen, denn unsere Wählerstimmen waren nicht das Mittel, durch das er ihn bekommen hat.

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Eine Person mit dickem Nacken und der Arbeitsmappe in der Hand tritt jeden Mittwoch im humoristischen Programm „Deja que yo te cuente“* auf. Das ist die gleiche Sendung, in der auch Professor Mente Pollo** – der bereits in diesem Blog beschrieben wurde – seine Binsenweisheiten eines klugen Dilettanten loslässt. Lindoro Unfähig*** ist der Direktor eines ineffizient wirtschaftenden Unternehmens und verfügt über ein Auto mit staatlichem Nummernschild, das er aber niemals zugunsten der Arbeiter nutzt. Tadellos gekleidet, nähert er sich seinen Untergebenen und rät ihnen mit Ironie: „Mir gefallen Gefälligkeiten“. Seine überzähligen Pfunde und sein eleganter dunkelblauer Anzug kontrastieren mit dem schlampigen Erscheinungsbild und der Unproduktivität der ganzen Reparaturwerkstatt „Bartolete Pérez“.

Dieser Prototyp eines Chefs trägt immer wieder eine Redensart vor, die es geschafft hat, sich ins Vokabular der Umgangssprache einzuschleichen. Es ist ausgerechnete das Attribut, mit dem er sich auf die von ihm geleitete, ineffiziente, lethargische und schlecht bezahlte Gruppe von Technikern bezieht, die elektrische Haushaltsgeräte reparieren. Mit einem Lächeln wie aus der Zahnpastawerbung kommt er daher und fragt die Gruppe: „Wie geht es diesem unerschütterlichen Kollektiv?“, während er gleichzeitig eine äußerst dringend zu erledigende Aufgabe oder einen neuen bürokratischen Irrsinn bekannt gibt. Lindoro Unfähig ist keine Karikatur eines bestimmten Direktors, sondern die Summe aus vielen von ihnen: das in humoristischen Farben gezeichnete Abbild von jenen, die etwas zu bestimmen haben.

Die letzten Tage erinnerten mich häufig an den dicklichen Direktor der Firma und seine siegesgewisse Sprache. Während mich eine Grippe ereilt hatte, hervorgerufen durch den Regen, der durch die Fenster in meine Wohnung eindrang, hörte ich auf meinem kleinen, dynamobetriebenen Radio vielen Lindoro Unfähigs zu. Sie sprachen ausgerechnet von einem „unerschütterlichen Kollektiv“, wo ich nur hoffnungslose Gesichter sehe. Sie riefen, mit ihren dicken Hälsen und aus ihren trockenen Autos heraus, zu Ruhe und Beharrlichkeit auf. Manche – diejenigen mit der meisten Macht – ohne sich überhaupt in die Katastrophengebiete zu begeben. Telefonisch versuchten sie ebenso leere und vage Versprechungen zu machen wie die dieser satirischen Figur.

Unsere Lindoro Unfähigs wollen nicht erkennen, dass die Notlage, die durch die Wirbelstürme Gustav und Ike entstanden ist, nicht nur den starken Winden und den Regenfällen, sondern auch dem produktiven Desaster und dem katastrophalen Habitus  geschuldet sind, die diese Insel bereits vorher fortgerissen haben. Heute Morgen, nach zweistündigem Schlangestehen, konnte ich dann zwei Pfund Süßkartoffeln und ein Stück Papaya kaufen, ohne dass ich in der Schlange irgendeinen Direktor gesehen hätte. Für Schweinefleisch muss man sich im Morgengrauen erst einmal einen Termin ergattern. In den Geschäften, in denen mit Pesos Convertibles bezahlt werden muss, stinken die leeren Kühltruhen wegen der Hühner und des anderen Fleisches, die zuvor darin verdorben waren. Die Versorgung mit Lebensmitteln befindet sich an einem kritischen Tiefpunkt und obwohl mein Wohnhaus die Winde überstanden hat und es in meinem Wohngebiet keine schweren Schäden gibt, fragen die Leute unentwegt nach Essen. Der Preisanstieg für Benzin hat dazu geführt, dass die privaten Taxifahrer ihre Preise verdoppelten. Für eine Strecke, die vorher zehn Peso kostete, sollen wir jetzt 20 Peso bezahlen. Doch das Fernsehen sieht diese Seite der Krise nicht, sondern ein energiegeladenes und „unerschütterliches“ Volk, das in Gegenwart der Kameras Stellungnahmen voller Zuversicht und Hoffnung abgibt.

Was werden die Lindoro Unfähigs tun, wenn die Parolen, die heute den Journalisten zugerufen werden, sich in Unmutsäußerungen und Protest verwandeln? Werden sie sich – mit einer heimlichen Essensreserve – ins Innere ihrer Arbeitsmappe verkriechen?

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Zu deutsch etwa: Lass mich dir erzählen
** Zu deutsch etwa: Spatzenhirn (vgl. verlinkten Blogeintrag im Text)
*** Im Original: Lindoro Incapaz

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Der Chefmeteorologe des kubanischen Fernsehens, José Rubiera, gab bekannt, dass sich über dem Atlantik kein weiterer tropischer Sturm bzw. Hurrikan gebildet habe. Erleichterung machte sich auf den mehr als 110.000 Quadratkilometern dieser Insel breit. Wenigstens für ein paar Tage wird dieser Umschlagplatz für Wirbelstürme, zu dem wir geworden sind, geschlossen haben. Diese Nachricht zum Klima hat jedoch die Sorgen und die Beunruhigung über unsere unmittelbare Zukunft nicht weggeblasen. Ungeachtet der schönfärberischen Berichterstattung im Staatsfernsehen, wo von einem „Wirbelsturm des Wiederaufbaus“ die Rede ist, sind wir Kubaner sehr besorgt.

All die Hoffnungen derer, die einen wirtschaftlichen Aufschwung in den kommenden Monaten erwartet hatten, haben sich in Luft aufgelöst. Einschließlich dessen, dass wir sogar von einigen Produkten Abschied nehmen müssen, bei denen es Jahre dauern wird, bis sie wieder zum jetzigen – bereits erhöhten – Preis zu haben sein werden. Dazu gehören Bananen, Mangos, Avocados, die Wurzel-* und die Zitrusfrüchte. Nach vier Tagen ohne Strom und ohne Wasserlieferung erwarteten wir Nachbarn aus den 144 Wohnungen im Gebäude eine Gratislieferung Wasser und die subventionierte Verteilung von Fertigessen. Einige schrien bereits ihren Unmut von den Balkonen herunter, worauf ich mit einem provozierenden „Es lebe Raúl!“ antwortete, woraufhin ich beinahe gelyncht worden wäre.

Nicht einmal der Markt in konvertiblen Pesos** mit seinen aufgeblähten Preisen kann den Bedarf der verzweifelten Bewohner Havannas decken. Der Hurrikan Ike hat die enormen sozialen Differenzen zwischen denen, die über Lebensmittelreserven, Gemüsegärten und Batterie betriebene Radios verfügen, und denen, die ausschließlich von den staatlichen Leistungen abhängig sind, noch offensichtlicher gemacht. Die Erfahrung, dass die staatliche Hilfe an frühere Opfer von Naturkatastrophen mit den ins Land gehenden Monaten langsam versiegte, bewirkt, dass die Leute jetzt keine Versprechungen wollen, sondern unverzügliches Handeln. Der Heißhunger, sich jetzt zu nehmen, was morgen vielleicht nicht mehr verfügbar sein wird, führte dazu, dass die Bewohner eines Dorfes in der Provinz Pinar del Río mit Macheten aufeinander losgegangen sind, um möglichst viele von den 100 Dachplatten aus Asbestzement zu ergattern, die von einem LKW aus verteilt wurden.

Es fehlt an Demut bei denjenigen, die alles dafür tun sollten, die humanitäre Hilfe in Kuba ankommen zu lassen. Eine Maßnahme, die sehr viel bewirken könnte, wäre, dass der staatliche Zoll die Steuern aussetzen würde, die im Ausland lebende Familienangehörige auf jedes Kilogramm Medizin, Kleidung und Nahrungsmittel zu zahlen haben, das sie auf die Insel bringen möchten. Stattdessen aber erwachen wir Kubaner inmitten eines Wirbelsturms, der durch unser Land zieht, und es gibt einen Preisanstieg bei Benzin und bei einigen Produkten der Grundversorgung. Man weist Hilfsangebote zurück, ohne die Meinung der Bevölkerung in Betracht zu ziehen und man erlaubt manchen eine Inspektion, während man anderen genau diese verweigert. Das Bild eines venezolanischen Militärs, der nach Kuba gekommen ist, um „sich ein Bild vom Ausmaß der Schäden zu machen“ – so der genaue Wortlaut – kontrastiert damit, dass man sich ziert, etwas Ähnliches bei Mitgliedsländern der Europäischen Union (mit Ausnahme von Spanien und Belgien) oder den Vereinigten Staaten zuzulassen.

Die Fragen des Augenblicks sind: „Was hat für die kubanische Regierung Priorität: die politischen Prinzipien oder das Wohlergehen derer, die alles verloren haben?“ und „Was zieht die US-Regierung vor: dass die Formalie der Schadensinspektion durchgeführt werden kann oder dass die Unterstützung die Geschädigten erreicht?“. Wir Bürger werden jedenfalls nicht warten, bis die beiden Regierungen sich geeinigt haben. Die „Diplomatie“ des Volkes könnte sie damit überraschen, schneller und viel effizienter zu agieren.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* z. B. Yucca, Malanga, Boniato u.a.
** Das Angebot in Verkaufsstellen, in denen mit dem Devisenäquivalent Pesos Convertibles gezahlt werden muss, ist durch die hohen steuerlichen Preisaufschläge von Seiten des kubanischen Staates unerschwinglich teuer. Daher gibt es dort im Normalfall immer Waren „auf Lager“, die woanders nicht zu haben sind.

Denjenigen, die in den kommenden Monaten eine Reise nach Kuba planen und solidarische Hilfe leisten wollen, empfehle ich, in ihrem Gepäck einige Kilogramm mitzunehmen, um sie den Geschädigten dann direkt zu übergeben. Obwohl den Familien, die ihre Besitztümer verloren haben, jede Hilfe nützlich ist, gibt es bestimmte Dinge und Mittel, die besonders gebraucht werden:

•    Tabletten zur Wasseraufbereitung
•    Vitamintabletten, alle Arten von Schmerzmitteln, Fieberthermometer, Pflaster, Electrolytpräparate, Einwegspritzen, Baumwolltupfer, Asthmaspray, Aspirin, Paracetamol und medizinischer Nähfaden
•    Kleidung aller Art, einschließlich Unterwäsche und Schuhe
•    Schulmaterialien, besonders Hefte und Stifte
•    Wiederaufladbare Batterien, Taschenlampen und tragbare Radios
•    Hygieneartikel: Seife, Zahpasta, Shampoo und Zahnbürsten
•    Kleidung sowie Artikel für Babies. Denken Sie einfach daran: Es gibt Kinder, die jetzt nicht einmal mehr eine Trinkflasche haben.

Ein Hinweis, der in Erwägung gezogen werden sollte: Man sollte immer, wenn irgend möglich, die Hilfe direkt den Bedürftigen zukommen lassen. Eine persönliche Übergabe oder durch Freunde ist am zuverlässigsten.

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Havanna befand sich bereits im Alarmzustand wegen des nahenden Wirbelsturms, als ich am Sonntag von meiner Rundreise durch die Provinz Pinar del Rio zurückkehrte. Selten habe ich mich so sehr gefreut, die aufragenden Brücken an der Straße 100 y Boyeros zu sehen, wie nach der endlosen Reihe zerstörter Infrastruktur, die im Westen des Landes an mir vorbeidefilierte. Zu beiden Seiten der Landstraße konnte man die Schneise ausmachen, wo der Wind mit mehr als 200 Stundenkilometern vorbeigefegt war, genau in dem Gebiet zwischen Los Palacios und San Diego. Die Pflanzen vertrocknet, in Richtung der stärksten Windstöße umgeknickt und hunderte von Häusern ohne Dächer oder völlig dem Erdboden gleich gemacht. Sogar der widerstandsfähige Marabú-Strauch litt unter dem Hurrikan, weit mehr jedenfalls als unter all den angepriesenen Plänen, ihn auszumerzen.

Menschen, die ihr Unglück beweinten, das Haus in Schutt und Asche und die Fotos der eigenen Kindheit durch das Wasser zerstört. Der Fahrer eines Fahrradtaxis schickte seine Töchter zum Haus einer Tante, weil er nicht das nötige Geld hatte, um die von den Geschädigten verlangten 9,7 Peso pro Dachstück Asbestzement zu bezahlen. Verwüstung und Zweifel angesichts einer Zukunft, die bereits düstere Farben trug, die sich aber jetzt – aus gutem Grund – dunkel einfärbt. Auf die Erde geschmetterte Ernten, ohne eine Versicherungsgesellschaft, die dafür aufkommen würde. Auf dem Schwarzmarkt eingekaufte Elektrogeräte, die nicht einmal als Verlust gemeldet werden können, da sie für den Staat nie existiert hatten.

Die Ungeschütztheit des Bürgers gegenüber solchen Wetterkapriolen ist niederschmetternd. Ein Hammer kostet praktisch den Lohn eines ganzen Monats und über Holzbretter und Nägel zu verfügen ist ein Luxus, der nur Wenigen zur Verfügung steht. Es bleibt nur eine Option, wenn die Wirbelstürme kommen: Sich in Sicherheit bringen und die voluminösesten Besitztümer der Gnade des Moments zu überlassen. Die größte Schwierigkeit für uns, die wir helfen wollen, besteht im völligen Fehlen eines zivilen Weges, mit dessen Hilfe Spenden zu den Opfern gelangen würden. Die Verteilungsstrukturen des Staates leiden unter demselben Desinteresse und derselben schlechten Organisation, die auch in den übrigen wirtschaftlichen Bereichen typisch sind. Viele versuchen den Weg über die Kirche zu gehen, doch fehlt ihr die Infrastruktur und das Personal, um in jeden Winkel des Landes zu gelangen.

Am Nachmittag des gestrigen Sonntags sprachen wir, das Team von Convivencia, sowie andere Mitglieder der langsam entstehenden Zivilgesellschaft in Pinar del Rio darüber, wie Kleidung, Essen und Medizin zu den Geschädigten gebracht werden könnte. Unglücklicherweise sind alle Möglichkeiten über die Jahre, in denen wir kubanischen Bürger unsere Autonomie an einen autoritären und gluckenhaften Staat verloren haben, aus den Angeln gehoben worden. Wenn eine Gruppe von Personen Hilfsgüter sammeln könnte, dann bestünde das Problem darin, diese in die Katastrophenregionen zu bringen und zu verteilen, ohne dass eine Anzeige zu einer Inhaftierung der Beteiligten führt. Die praktikabelste Hilfsmaßnahme ist daher das Schicken von Bargeld durch die im Ausland lebenden Kubaner an ihre Familienangehörigen in Kuba. Wir, die wir auf der Insel leben und beitragen wollen, sollten uns selbst in die verwüsteten Gebiete begeben und unsere Spenden persönlich überreichen. „Alles ist nützlich“, sagte mir ein älterer Herr, japsend und mit den Worten seine Tränen unterdrückend, während er mir sein Haus zeigte – bereits vor dem Wirbelsturm eines der armseligsten – das jetzt komplett zusammengefallen ist.

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