• Generación Y ist ein Blog, der angeregt ist durch Leute wie mich: Deren Namen mit dem Buchstaben „Ypsilon“ beginnen oder ihn enthalten. Unsere Generation wurde im Kuba der 70er- und 80er-Jahre geboren und von Landschulaufenthalten, russischen Zeichentrickfilmen, illegalen Ausreisen und Frustration geprägt. Deshalb lade ich besonders Yanisleidi, Yoandri, Yusimí, Yuniesky und andere dazu ein, dass sie sich „ihr Ypsilon“ schnappen, meine Texte lesen und mir schreiben.

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Wir haben uns an die aufgeblähten Zahlen gewöhnt, an die Geheimniskrämerei, wenn etwas schief gelaufen ist, und an ein Bruttosozialprodukt, das niemals den Inhalt unserer Geldbeutel widerspiegelte. Jahrzehntelang hatten die Wirtschaftsgutachten die Möglichkeit, hinter Seiten voller Zahlen und Analysen die Schwere der Probleme zu verbergen. Unter den Hochschulabsolventen der wenig exakten Finanzwissenschaft gab es einige, wie Oscar Espinosa Chepe, die es wagten, die Unrichtigkeit bestimmter Zahlen aufzudecken, und die dann nach dem „Pyjamaplan“* mit Arbeitslosigkeit und Stigmatisierung bestraft wurden.

In dieser Woche hat die Lektüre der seriösen und fundierten Analyse des Priesters Boris Moreno in der Zeitschrift Palabra Nueva** meine Unruhe bezüglich eines uns bevorstehenden Kollapses verstärkt. Mit dem bezeichnenden Titel “Wohin fährt das kubanische Boot? Ein Blick auf das wirtschaftliche Umfeld” warnt uns der Autor vor einem Absturz, einem Sturzflug, des materiellen und finanziellen Zustands der Insel. Worte, die uns erschrecken müssten, wenn nicht unsere Ohren gegenüber schlechten Nachrichten schon ziemlich taub geworden wären, weil wir uns schon so oft in die Gewässer der Unproduktivität und des Mangels gestürzt haben.

Ich stimme mit diesem Wirtschaftswissenschaftler darin überein, dass der erste und wichtigste Schritt, der getan werden muss, “die formale Verpflichtung der Regierung zur Freigabe der Meinungsäußerung aller Bürger ist und zwar ohne Repressalien jeglicher Art. Wir sollten in unserem Umfeld die Bestimmungen löschen, die den Austausch von Ideen und Meinungen beschränken”. Nachdem ich das gelesen hatte, stellte ich mir meine Nachbarin vor, eine Buchhalterin im Ruhestand, wie sie mit lauter Stimme ihre Ansichten äußert über die Notwendigkeit, Privatwirtschaft zuzulassen, ohne dass dies eine Protestversammlung vor ihrer Tür auslöst. Ich weiß, dass es Arbeit bedeutet, so ein Projekt durchzuführen, aber ich mag die Idee, dass eines Tages Tausende ihre Vorschläge einbringen und Lösungen vorbringen werden, ohne die Befürchtung, als “Söldner einer ausländischen Macht” beschuldigt zu werden. Welch enormes Kapital würde dann Kuba wieder gewinnen!

Auch wenn sich die Staatskassen nicht nur durch Vorschläge und Gedankengut wieder füllen werden, so zeigt uns unsere Erfahrung doch, dass das Prinzip der Freiwilligkeit und des Ausschlusses nur dazu beigetragen hat, sie zu leeren.

Anm. d. Ü.
*Pyjama-Plan: ironischer Begriff im kubanischen Volksmund für die vorzeitige Zwangspensionierung von Regierungsmitgliedern
** Nueva Palabra (Neues Wort): Zeitschrift der Diözese der katholischen Kirche in Havanna

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Foto: “Noch ist es legal zu träumen”

Ich sehe überall Polizisten. Ich weiß nicht, ob sie auf meiner Netzhaut eingeprägt sind, oder ob es daran liegt, dass ihre Zahl in den letzten Monaten alarmierend angestiegen ist. Sie fahren in Mercedes- Lastwagen herum, sie stehen zu dritt an den Straßenecken und führen sogar an mehreren Punkten der Stadt Schäferhunde mit sich. Während uns Hunderte von modernen runden Kameras von oben beobachten, kontrollieren uns auf Straßenniveau diese Uniformierten auf den kaputten Gehsteigen. Sie kommen aus dem Nichts und verschwinden, wenn man sie am dringendsten braucht. Sie sind geschickt im Aufspüren eines Sackes Zement, der ohne Papiere transportiert wird, aber tauchen selten nachts in einem Viertel am Stadtrand auf, wo die Zahl der Straftaten steigt und steigt.

Es gibt auch die Leute in Zivil, diese “Schutzengel”, die immer präsent sind in jeder Schlange, in jedem Kulturzentrum oder in jeder Menschenansammlung. Sie sind jetzt nicht mehr so leicht zu entdecken, weil sie ihre Streifenpullover, ihre karierten Hemden und den militärischen Kurzhaarschnitt gegen Verkleidungen eingetauscht haben, die eine Bandbreite haben von Zöpfchen mit bunten Perlen bis zu Unterwäsche, die über dem Hosenbund herausschaut. Jetzt tragen sie Handys, Sonnenbrillen und Ledersandalen, aber man merkt ihnen trotzdem weiterhin an, dass sie fehl am Platz sind mit dem Gesichtausdruck eines Menschen, der nicht in die Situation passt, über die er informiert. Sie gehen zum Filmfestival, aber haben nie einen Film von Fellini gesehen; sie halten sich in den Galerien auf ohne die Fähigkeit zu unterscheiden, ob das, was sie sehen, ein figuratives oder ein abstraktes Bild ist. Man hat ihnen schließlich beigebracht, sich zu tarnen, aber man konnte ihnen nicht den verächtlichen Ausdruck vom Gesicht löschen, den sie angesichts dieser „kleinbürgerlicher Schwächen“ annehmen, die für sie die Kunst und ihre Manifestationen sind.

Dennoch fürchte ich nicht so sehr die Gruppe derer, die nummerierte Metallplaketten um den Hals tragen, noch die verdeckten Ermittler, die Berichte schreiben, sondern den Gedankenpolizisten, den wir alle in uns tragen. Er lässt nämlich die Signalpfeife der Angst schrillen, die uns rät, uns nicht zu trauen, und holt jedes Mal die Handschellen der Abgestumpftheit hervor, wenn sich in uns Kritiken und Meinungen anstauen. Er hat die Akademie der Selbstzensur mit Erfolg besucht und ist ein geschickter Soldat, wenn es darum geht, uns die Wege aufzuzeigen, die uns nicht in Schwierigkeiten bringen. Sein Strafgesetzbuch enthält sicherheitshalber ein paar kurze Artikel: 1. „Mach dir keine Probleme“ und 2. „Was du auch tust, es wird nichts ändern“. Wenn wir eines Tages mit dem Bedürfnis aufwachen, das Dröhnen seiner Stiefel in unserem Kopf zum Schweigen zu bringen, dann erinnert er uns an die Gitterstäbe, an die Gerichtshöfe und an die Unbarmherzigkeit eines Gefängnisses in der Provinz. Er braucht nicht seinen Schlagstock gegen unsere Rippen zu erheben, denn er beherrscht es gut, die Saiten unserer Angst anzuschlagen und Karategriffe anzuwenden, die unseren Körper schon im Vorfeld schmerzend und bewegungsunfähig zurücklassen vor dem Satz „Bleib ruhig, es ist besser zu warten“.

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bucanero

Sie ist acht Jahre alt und völlig verwirrt. Heute früh legte ihr die Mutter eine 25-Centavos-Münze in die Hand und sagte zu ihr: “Hier hast du fünf Pesos”. Sie betrachtete die glänzende Oberfläche mit dem Wappen der Republik, das auf der einen Seite eingeprägt ist und mit dem hohen, schlanken Turm der Stadt Trinidad auf der Rückseite. Obwohl sie in einem, was die Ökonomie betrifft, schizophrenen Land geboren wurde, ist sie noch nicht daran gewöhnt, von den kubanischen Pesos zu seinen konvertiblen Verwandten umzuschalten. In der Schule hat die Lehrerin noch nie von dieser Sache gesprochen; um es ihr zu erläutern, bräuchte sie ein eigenes Fach und ein ganzes Semester. Zu Hause wird ihr auch nicht viel erklärt, als ob die Erwachsenen es für normal hielten, dass sich in ihrem Geldbeutel zwei Arten von Währungen mischen.

In Kuba gibt es vier Marktformen und zwei verschiedene Sorten von Geld, um in ihnen zu bezahlen. Jeden Morgen entwerfen die Hausfrauen in ihrem Kopf ohne viele Umstände einen Plan, welche von ihnen sie nutzen, um wo einzukaufen. Es ist ein arithmetischer Vorgang, der einige Sekunden dauert, hinter denen sich fünfzehn Jahre verbergen, in denen der Dollar eingeführt wurde und sein späteres „Gespenst“, der konvertible Peso. Dauernd wird umgerechnet und es gibt Verkäufer, die ebenso die symbolischen Scheine annehmen, die man uns als Lohn aushändigt, wie die anderen mit einem Wert, der 24mal höher liegt. Für eine Ananas können wir ebenso zehn Pesos der nationalen Währung zahlen, der Lohn für einen Arbeitstag, wie fünfzig Centavos vom „Chavito“, wie er im Volk heißt. Manche Touristen wissen über dergleichen Verwirrspiel nicht Bescheid und erwerben die Königin der Früchte mit zehn konvertiblen Pesos. An diesem Tag schließt der Händler rasch seinen Stand und geht beglückt über diesen Irrtum nach Hause.

Die Generation meines Sohnes kann nicht begreifen, wie es ist, mit einer einzigen Währung zu leben. Ich glaube, sie haben eine besondere Entwicklung in einem Bereich des Gehirns durchgemacht, wo das Absurde schließlich akzeptiert wird, in diesen neuronalen Verbindungen, die das Inakzeptable bearbeiten. Sie bewerkstelligen die Umrechnungen mit der Leichtigkeit eines Menschen, der zwei Sprachen von klein auf gelernt hat und sie ohne große Anstrengung abwechselt. Mehrere Sprachen zu lernen ist jedoch immer etwas Bereicherndes, die finanzielle Dualität als etwas Natürliches anzusehen bedeutet aber, zu akzeptieren, dass es zwei mögliche Leben gibt. Eines von ihnen ist flach und grau, wie die nationalen Centavos, und das andere, das in all seiner Ausdehnung einem Gutteil der Bevölkerung verboten ist, erscheint voller Farben und filigraner Verzierungen, wie der Geldschein für zwanzig konvertible Pesos.

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camara

Gerüchte, die sich verbreiten, Gemurmel, das zu offiziellen Verlautbarungen wird und Zeitungen, die mehrere Wochen später das berichten, was das ganze Land schon weiß. Wir sind von einer Informationsbeschränkung zu einer wirklichen „Öffnung“ übergegangen, die parallel zur Zensur der offiziellen Medien läuft. Unser „Glasnost“ erhielt seinen Impuls nicht aus den Büros und Ministerien, sondern entstand durch Mobiltelefone, Digitalkameras und transportable Speichergeräte. Derselbe Schwarzmarkt, der uns mit Milchpulver oder Spülmittel versorgt hat, bietet uns jetzt illegalen Zugang zum Internet und Fernsehsender, die über die verbotenen Parabolantennen zu uns kommen.

Auf diese Weise erfuhren wir von den Ereignissen, die sich in Venezuela letzte Woche zugetragen haben. Mein eigenes Handy stand kurz vor dem Zusammenbruch wegen so vieler Mitteilungen, die mir von den Studentenprotesten und dem Abschalten mehrer Fernsehkanäle berichteten. Ich habe wiederum eine Kopie von diesen kurzen Schlagzeilen an alle meine Kontaktadressen geschickt in dem Netz, das besser als jede Virus-Übertragung funktioniert: ich stecke mehrere an und diese flößen dann ihrerseits den Informationsbazillus hundert Leuten ein. Es gibt keine Möglichkeit, diese Form der Nachrichtenverbreitung zu stoppen, denn sie nutzt keine festen Strukturen, sondern verändert sich und passt sich jedem Umstand an. Sie wirkt gegen Hegemonie, obgleich das kleine Wort im kubanischen Fall abweichende Untertöne annimmt, wo die Tageszeitung Granma, die Fernsehsendung „Runder Tisch“ und der DOR* die Vorherrschaft haben.

Wir erfuhren von den Toten in der psychiatrischen Klinik schon Tage vor der offiziellen Nachricht, über das Los der Hinausgeworfenen vom März 2009 wissen wir durch das „Radio Bemba“** Bescheid und eines Tages werden wir erfahren, dass das „Ende“ gekommen ist, noch bevor die Genehmigung erfolgt, es in der Presse mitzuteilen. Der Informationsstrom hat sich verfünffacht, obgleich das nicht auf eine Regierungsentscheidung zurückgeht, uns mit größeren Informationsmöglichkeiten auszustatten, sondern auf die technologische Entwicklung, die es uns erlaubt hat, die triumphalen Schlagzeilen und die gehaltlosen Nachrichtensendungen zu missachten. Jedes Mal sind wir weniger abhängig von dem vorgekauten und ideologisierten Brei der Fernsehnachrichten. Ich kenne Hunderte von Personen in meinem Umkreis, die Cubavisión und den Rest der Staatskanäle seit Monaten nicht einschalten. Sie sehen nur das geächtete Fernsehen.

Der Bildschirm eines Nokia oder Motorola, die glänzende Oberfläche einer CD oder der niedlich kleine Stift eines USB-Sticks pulverisieren unsere Desinformation. Auf der anderen Seite dieses Schleiers aus Unterlassungen und Falschmeldungen, der in Jahrzehnten entstanden ist, gibt es eine unbekannte und neue Verbreitung, die uns erschreckt und anzieht.

Anm. d. Ü.
* Abteilung der revolutionären Ausrichtung des Zentralkomitees, die die Informationspolitik aller Medien im Land bestimmt.
** Im März 2009 wurden der Vizepräsident Carlos Lage und der Außenminister Felipe Perez Roque aus ihren Ämtern entlassen.
Radio Bemba: Mund zu Mund Propaganda.

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tren

Der Freitag gestaltete sich von Anfang an schwierig, das leugne ich nicht. Am Morgen vermissten wir Claudio, unseren Lehrer für Fotographie in der Blogger-Akademie, weil ein Agent ihn, nachdem er ihm kaum einen abgegriffenen Ausweis mit dem Kürzel DSE (Staatssicherheitsabteilung) gezeigt hatte, festnahm und abführte. In unserer Wohnung veranstalteten wir nach dem Unterricht ein kleines Fest zur Feier des ersten Geburtstages von Voces Cubanas, das schon 26 persönliche Websites in seinem so kurzen Leben aufweist. Ich erinnere mich, wie inmitten von Umarmungen und Gelächter jemand zu mir sagte, dass ich mich in acht nehmen solle. „In einem solchen System gibt es keine Möglichkeit, sich vor den Angriffen des Staates zu schützen“, sagte ich zu ihm in dem Versuch, meine eigene Furcht zu verscheuchen.

Ungefähr um sechs Uhr abends waren wir auf dem Weg zu einem Familientreffen. Meine Schwester schenkte vor 36 Jahren am Tag der Eisenbahn meinem Vater beim Morgengrauen ihren ersten Schrei als Baby. Sogar Teo, der als Heranwachsender wenig zugänglich dafür ist, an den Aktivitäten der „Alten“ teilzunehmen, sagte zu, uns zu begleiten. Dort erwartete uns ein typischer Geburtstag mit Fotos, Kerzen zum Ausblasen und „Herzlichen Glückwunsch, Yunia, an deinem Ehrentag, verbringe ihn gesund und froh …“. Nur dass mehrere Augenpaare, die uns auflauerten, andere Pläne für uns hatten. Mitten auf der Boyeros Avenida, wenige Meter vom MINFAR (Ministerium der Bewaffneten Revolutionstruppen) und dem Büro von Raúl Castro entfernt, hielten drei Autos den schäbigen Lada an, in den wir an einer Ecke gestiegen waren.

“Lass es dir bloß nicht einfallen, durch die 23. Straße zu fahren, Yoani, weil die Union der Jungen Kommunisten dort eine Aktion veranstaltet“, schrieen einige Männer, die aus einem Geely von chinesischem Fabrikat ausstiegen, der mir meine starken Schmerzen im Lendenbereich von damals in Erinnerung rief. Etwas Ähnliches habe ich nämlich schon im vergangenen November erlebt, doch heute würde ich es nicht zulassen, dass sie mich kopfüber in ein anderes Auto dieses Mal neben meinem Sohn steckten. Ein riesiger Mann stieg aus dem Fahrzeug und begann seine Drohungen zu wiederholen. „Wie heißt du?“ fragte ihn Reinaldo, aber er hatte nicht den Mut zu antworten. Teos schlaksigem Körper entsprang ein ironischer Satz: „Er sagt seinen Namen nicht, weil er ein Feigling ist.“ Noch schlimmer, Teo, noch schlimmer, er sagt seinen Namen nicht, weil er sich nicht als Individuum sieht, sondern weil er einfach nur ein Sprachrohr anderer Leute weiter oben ist. Eine professionelle Kamera filmte jede unserer Gesten in der Erwartung einer aggressiven Haltung, eines unflätigen Satzes, eines Zornesausbruchs. Die Injektion des Schreckens war kurz, aber der Geburtstag war uns verdorben.

Wie können wir unversehrt aus all dem herauskommen? Auf welche Weise kann sich ein Bürger eines Staates schützen, der über Polizei und Gerichte verfügt, schnelle Eingreifbrigaden und die Massenmedien, der die Möglichkeit zu Diffamierung und Lüge hat, der die Macht hat, jemanden sozial zu vernichten und ihn in einen Besiegten zu verwandeln, der um Vergebung fleht? Wovor haben sie solche Angst? Was sollte ihrer Erwartung nach heute in der 23. Straße passieren, dass sie mehrere Blogger festnahmen?

Ich spüre ein Entsetzen, das mich fast nicht tippen lässt, aber ich will denen, die mich heute im Beisein meiner Familie bedroht haben, sagen, dass jemanden, der zu einem gewissen Grad von Panik gelangt ist, eine noch höhere Dosis gleichgültig lässt. Ich werde weder aufhören zu schreiben, noch zu twittern; ich habe nicht vor, meinen Blog zu schließen, noch werde ich die Gewohnheit ablegen, mit meinem eigenen Kopf zu denken und vor allem werde ich nicht aufhören zu glauben, dass diese Leute viel mehr Angst haben als ich.

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amaury

Es ist lange her, dass eine Insel unsere Identität noch umfassen konnte. Der Akt des Geborenwerdens und Aufwachsens in diesem länglichen Territorium ist nicht mehr der wichtigste Faktor, um seine Nationalität zu tragen. Wir sind ein Volk, das auf alle fünf Kontinente verteilt ist, als ob uns eine unstete Hand, geleitet von ökonomischen Bedürfnissen und dem Mangel an Freiheit, auf der Oberfläche der Weltkarte verstreut hätte.

Ich weiß, was man da fühlt. Ich weiß, wie hart es ist, in irgendeinem Land zu einem kubanischen Konsulat zu gehen, und man bittet dich dort um deine Unterschrift für die Freilassung von fünf Agenten des Innenministeriums, Gefangene der Vereinigten Staaten, aber sie fragen dich nicht einmal, ob sie dir bei irgendetwas behilflich sein können. Ich habe gehört, wie eine junge Frau in einer Botschaft in Europa weinte, als ein Beamter ihr wiederholt mitteilte, dass sie nicht in ihr eigenes Land zurückkehren dürfe, weil sie die elf Monate der Ausreiseerlaubnis überschritten habe. Ich war auch Zeuge der anderen Seite. Des ablehnenden Bescheids, den viele erhalten, die hier die Weiße Karte beantragen, um in ein Flugzeug zu steigen und dem Inseldasein zu entfliehen. Die Reisebeschränkungen sind für uns zur Routine geworden und viele sind inzwischen der Meinung, dass es so sein muss, weil das Kennenlernen anderer Länder ein Privileg ist, das man uns gibt, ein Sonderrecht, das man uns verleiht.

Diese wenigen Personen, die darüber entscheiden, wer diesen Archipel betritt oder verlässt, haben die Teilnehmer der Tagung „Nation und Emigration“, die seit heute im Palast der Konventionen statt findet, ausgewählt. Ich habe die Diskussionspunkte dieser zwei Tage gelesen und glaube nicht, dass sie die Sorgen und Bedürfnisse der Mehrheit der emigrierten Kubaner repräsentieren. Es fällt auf, dass nicht gefordert wird, die Beschlagnahmung des Besitzes derer, die sich in einem anderen Land angesiedelt haben, zu beenden, noch die Notwendigkeit erwähnt wird, den Exilkubanern das Wahlrecht zurückzugeben. Ich finde auf der Tagesordnung nicht einmal die Ankündigung, den Beschränkungen ein Ende zu setzen, denen viele von ihnen ausgesetzt sind, wenn sie wieder einreisen oder sich auf ihrer eigenen Heimaterde niederzulassen wollen.

Auch der Teil von uns Kubanern, die wir auf der Insel leben, wird nicht mit all unserer Vielfältigkeit und unseren Nuancen wiedergegeben, sondern er zeigt den Stempel des Offiziellen und das Holzschnittartige des von oben Gesteuerten. Beide Ansichten, die von Innen und die von Außen, sind eingeschränkt und gefiltert, um zu vermeiden, dass „Nation und Emigration“ zu einer Veranstaltung wird, bei der man die Liste der Grausamkeiten im Zusammenhang mit Migration abarbeitet, unter denen wir leiden. Die verantwortlichen Personen, die das Treffen organisiert haben, möchten in dem riesigen Saal, in dem sich normalerweise das Parlament versammelt, lieber donnernden Applaus hören als Beschwerden und Kritiken.

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tuberias

In einem Haushalt zu leben, bedeutet, lästige Pflichten erfüllen zu müssen. Der Wasserhahn vom Spülbecken tropft, die Lampe im Wohnzimmer brennt nicht mehr, der Türschüssel macht Probleme und – was für ein schlimmer Tag, entsetzlich – der Kühlschrank ist kaputt. Erschrocken stellen wir fest, dass das Eisfach anfängt zu tropfen und dass das typische Summen des Apparates aufgehört hat. Eine Tragödie dieses Ausmaßes erlebte ein Bekannter von uns letzte Woche.

Früh morgens rief er die nächste Stelle zur Reparatur von Haushaltsgeräten an, aber sie gingen nicht ran oder es ertönte das Besetztzeichen. Er beschloss hinzugehen, am Empfang feilte sich ein Mädchen sorgfältig die Nägel. Tief betrübt erzählte er ihr die Geschichte seines Haushaltsgerätes und beschrieb dessen Symptome. Er war sogar schon kurz davor, eine Diagnose zu wagen, aber in dem Moment unterbrach sie ihn und verkündete, dass es sich sicher um den „Timer“ handele und dass sie dieses Ersatzteil nicht auf Lager hätten. Sie machte ihm klar, dass die Werkstatt eine Warteliste habe, die sich auf mehrere Monate belaufe. Wie ein intelligenter Mann mit Lebenserfahrung formulierte der hilfsbedürftige Kunde die richtige Frage im entsprechenden Tonfall: „Kann man das nicht anders lösen?“ Die Frau beendete ihre Maniküre und rief laut nach einem Mechaniker.

Nachdem man sich über den Preis geeinigt hatte, waren alle zufrieden. Mittags funktionierte der Kühlschrank wieder und der Techniker ging mit einem entsprechenden Entgelt von zwei Monatslöhnen nach Hause. An diesem Abend brachte mein Bekannter, der Barmann in einem 5 Sterne Hotel ist, mehrere Flaschen Rum, die er auf dem Schwarzmarkt gekauft hatte, mit zur Arbeit. Mit ihnen schenkte er die ersten Mojitos und die leckeren Piñas Coladas aus, die die Touristen tranken. Sie vermuteten nicht, dass sie so dabei halfen, das Loch zu stopfen, das durch die Reparatur des Kühlschranks entstanden war, das riesige Schlagloch, das sich im Budget des Barmannes aufgetan hatte.

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Jeden Abend geht ein europäischer Geschäftsmann im Cabaret eines Luxushotels von Tisch zu Tisch mit einer ungewöhnlichen Bitte. Er nähert sich den Tischnachbarn und erklärt ihnen, dass sie ihn zahlen lassen sollen, wenn die Rechnung kommt, und zwar mit den bunten Gutscheinen, die er in seiner Tasche mit sich führt. Im Gegenzug sollen sie ihm den Betrag in Pesos Convertibles geben, die er dann in Dollar oder Euro tauschen und ins Ausland mitnehmen kann. Dieser Mann ist ein Opfer des Finanz-Corralitos, der zahlreiche ausländische Investoren daran hindert, ihren Gewinn aus nationalem Territorium zu schaffen. Damit sie nicht völlig verzweifeln, erlauben die kubanischen Autoritäten ihnen, auf der ganzen Insel ihren Profit zu konsumieren, indem sie mit Papiergeld zahlen, das keinen realen Wert hat.

Das Drama der eingefrorenen Guthaben betrifft heute zahlreiche Geschäftsleute, die sich anschickten, mit Billigung des Gesetzes von ausländischen Investitionen vom Jahr 1995 in unser Wirtschaftssystem zu investieren. Sie genossen das Privileg, eine Firma zu betreiben, eine Sache, die den hier Geborenen absolut verboten war. Sie bildeten eine neue Unternehmerklasse in einem Land, in dem die Revolutionsoffensive von 1968 alles, sogar die Sessel der Schuhputzer, konfisziert hatte. Der umfangreiche Gewinn, den sie erwirtschaften konnten, machte sie zu einem sehr attraktiven Zielobjekt für Amateurhuren, Hausvermieter und Mitglieder der Staatssicherheit. Viele von ihnen sah man in den teuersten Restaurants appetitliche Speisen in Begleitung sehr junger Frauen auswählen. Andere, und das waren die wenigeren, spendierten ihren Angestellten Zusatzgeschenke, um die niedrigen Löhne in kubanischen Pesos auszugleichen, die ihnen die Staatsfirma als Arbeitgeber zahlte.

Diese Repräsentanten einer “Vorpostengilde“ waren bereit, ein wenig von ihrem Kapital zu verlieren, solange sie sich nur von nun an in dem Umfeld aufhalten durften, das eines Tages einem in Stücke aufgeteilten Kuchen ähneln würde. Die Leute jedoch, die die Verträge unterschrieben und mit ihnen nach einem Abschluss den Champagner teilten, hielten sie nur für ein notwendiges und vorläufiges Übel, einen Umweg, der völlig verschwinden würde, sobald die Sonderperiode beendet wäre. Nach so vielen Garantieversprechungen zeigte man ihnen vor einigen Monaten die leeren Staatskassen, wobei ihnen immer der gleiche Satz wiederholt wurde „wir können Sie nicht bezahlen“. Plötzlich spürten diese Unternehmer die Machtlosigkeit und fühlten den Schrei, der einem in der Kehle stecken bleibt, Dinge, mit denen wir Kubaner uns jeden Tag herumplagen müssen. Trotzdem sind sie noch nicht ganz so schutzlos wie wir der Ausplünderung durch den Staat ausgeliefert: ihr Reisepass eines anderen Staates gibt ihnen die Möglichkeit, einfach wegzufliegen und alles zu vergessen.

Anm. d. Ü.
*Corralito (deutsch: Ställchen) ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein argentinisches System zur Beschränkung des Bargeldumlaufs und zum Einfrieren von Bankkonten, das 2001 in der Argentinienkrise eingeführt wurde.

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Fotos aus: http://cubalagrannacion.wordpress.com/2010/01/17/el-hospital-de-dementes-de-mazorra/

Die Verrückten sind leichte Beute für die Spitzbuben, die ihnen an den Straßenecken schmerzliche Sätze zurufen, um ihr Delirium noch zu vergrößern. In meinem Viertel hatten wir einen mit zwei Papierschiffchen, der Stunden mit einer seltsamen Regatta zubrachte, die nirgendwohin führte. Seine Mutter hielt ihn mit Benadrilin und Diazepam ruhig; besser, als ihn in das Irrenhaus Mazorra, die psychiatrische Klinik von Havanna zu schicken.

Vor dem geistigen Auge jener Frau standen die Bilder der Nervenheilanstalt in der Boyeros Straße mit ihrem angehäuften Schrecken und ihrer armseligen Ausstattung. Die Patienten fast nackt, die Wände mit menschlichen Exkrementen beschmiert und das Fehlen von Beaufsichtigung waren das Szenarium für schlimmste Gräueltaten. Die Fotos waren in den Zeitschriften in jenem fernen Jahr 1959 veröffentlicht worden. Danach kamen Reportagen im Fernsehen, saubere Bettlaken, Beschäftigungstherapie und sogar politische Propagandatafeln, die das Antlitz des früheren Schreckens veränderten. Nur dass die Verrückten, wie ich schon sagte, leichte Beute für Spitzbuben sind.

Seit den Neunziger Jahren mit dem Eintritt der Sonderperiode wirkte sich die Umleitung von Hilfsmitteln verheerend auf Mazorra aus. Die Nachbarn der angrenzenden Straßen waren gut versorgt durch den Schwarzmarkthandel, bestehend aus Wolldecken, Milch, Essen, Kleidung, Handtüchern und Medikamenten, die aus dem Hospital kamen. Die dort Eingewiesenen hielten es für einen Teil ihres Leidens, dass jeden Tag mehr Glühbirnen in den Sälen fehlten, wie in dem Film „Das Haus der Lady Alquist“. Man stahl ihnen alles Unverzichtbare und niemand bemerkte die zerbrochenen Fenster, die verstopften Toiletten und die durchgebrochenen Betten. Diesmal bekam kein Journalist die Erlaubnis, über das Elend zu berichten.

Die offizielle Presse konnte jedoch den Tod von 26 Patienten, einige behaupten, die Zahl belaufe sich auf fast 40, wegen Unterkühlung und Leiden infolge von Vernachlässigung nicht verheimlichen. Sie kamen an einigen kalten Tagen im Januar ums Leben, während sie sich an einander drückten, Körper an Körper, ohne dadurch das Ende vermeiden zu können. Die Spitzbuben aber bauten sich Häuser mit den Dividenden des Raubes und glaubten, dass nie jemand ihre Hinterziehungen entdecken würde. Heute wird nach den Verantwortlichen in dem Krankenhaus unter großem Polizeiaufgebot gesucht, damit sich keine Neugierigen nähern. Es sind noch keine Bilder herausgekommen, aber mich quält die Vorstellung, wie sehr diese Patienten in ihrer Hilflosigkeit jenen Gesichtern auf den Fotographien aus der Vergangenheit gleichen werden.

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maniquies

“Was meinst du, welchen Namen ich ihm geben soll?”, fragt mich eine Freundin, die im sechsten Monat schwanger ist und einen Jungen erwartet. Aus dem ersten Impuls heraus antworte ich mit dem üblichen „José“, aber sie verzieht ihr Gesicht und verpflichtet mich damit, etwas weniger Traditionelles zu suchen. Ich spule daraufhin eine umfangreiche Liste mit Mateo, Lázaro oder Fabian ab, aber keiner sagt der anspruchsvollen Mutter zu. Wenn sich die gleiche Situation vor zwanzig Jahren zugetragen hätte, dann wäre das Baby mit einem „Y“ belastet worden, wie viele, die in den Siebziger und Achtziger Jahren geboren wurden. Die exotische Mode, den vorletzten Buchstaben des Alphabets zu nutzen, scheint jedoch überwunden zu sein.

Viele Jahre zeigten die Kubaner bei der Namensgebung ihrer Kinder eine Freiheit, die sie in anderen Lebensbereichen nicht erfahren durften. Der graue Schleier, den der rationierte Markt und die staatliche Kontrolle auf unsere Existenz warfen, verflüchtigte sich, sobald ein Neugeborenes in das Zivilregister eingetragen wurde. Die Eltern spielten mit der Sprache und kreierten wahrhafte Zungenbrecher, wie der, den ein berühmter Baseballspieler aufweist, der „Vicyohandri“ heißt. Manchen verpassten sie sogar das seltsame Gebilde „Yesdasí“, eine Mischung des Wortes „ja“ in Englisch, Russisch und Spanisch.

Glücklicherweise wehen seit einigen Jahren ruhigere Winde bei der Benennung eines Kindes. Eine ganze Generation, die den Eindruck hatte, bei ihrer Namensgebung habe es sich um ein Laborexperiment gehandelt, will jetzt lieber wieder zu alten Gepflogenheiten zurückkehren. Nach mehreren Tagen rief mich also meine Freundin an, um mir ihre Entscheidung mitzuteilen: das Baby wird Juan Carlos heißen. Auf der anderen Seite der Leitung atmete ich erleichtert auf: der Verstand ist bei der Namensgebung von Kindern zurückgekehrt.

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